Pfarrer ist teilweise geständig

Der Pfarrer von Walenstadt steht schweren Tatvorwürfen gegenüber. Nun schalten sich Bischöfe in die Diskussion um pädophile Priester ein.
ero/sda. Der katholische Pfarrer hat die gegen ihn erhobenen Vorwürfe sexueller Handlungen mit Jugendlichen teilweise gestanden. Er befindet sich seit dem 12. März in Untersuchungshaft und sieht sich mit schweren Tatvorwürfen konfrontiert, wie Staatsanwalt Thomas Weltert an einer Medienorientierung sagte. Der 61-jährige Priester soll über längere Zeit männliche Jugendliche sexuell missbraucht haben. Die pädophilen Handlungen liegen zum Teil mehrere Jahre zurück und wurden vorab in seiner früheren Pfarrei Uznach SG begangen. Möglicherweise kam es auch in Walenstadt zu weiteren Verfehlungen. Das Untersuchungsamt Uznach hatte Ende vergangenen Jahres Kenntnis von den Vorwürfen gegen den Pfarrer erhalten. Ende Februar begannen die Behörden mit der Befragung der mutmaßlichen Opfer. Der Pfarrer und Dekan trat von seinen Funktionen sofort zurück. Die Schweizer Bischofskonferenz hat sich gestern in die Diskussion um pädophile Priester eingeschaltet. Man wolle bei solchen Fällen künftig volle Transparenz schaffen und eng mit den Behörden zusammenarbeiten. Zudem ist eine "Task-Force" geplant, welche die Bischöfe dabei unterstützen soll.
(Luzerner Zeitung 26.03.2002)


Über Sex reden

Pädophilie -Vorwürfe erschüttern die Kirche. Eine Enttabuisierung der Sexualität wäre notwendig
Nichts fällt dem Papst, nichts fällt Nonnen, Mönchen, Priestern, Bischöfen und Kardinälen so schwer, nichts ist ihnen so fremd wie das - öffentliche - Sprechen über Sex. Es ist deshalb nicht verwunderlich, dass Johannes Paul II. lange, viel zu lange zu den Pädophilie-Vorwürfen gegen Priester in Amerika, Irland, Polen, Österreich, Deutschland und anderswo geschwiegen hat. Und auch in seiner ersten Äußerung, dem Gründonnerstagsbrief an alle Priester, sprach er nur verschämt von "Sünden einiger Mitbrüder", die "den schlimmsten Ausformungen des mysterium iniquitatis" nachgegeben hätten - der geheimnisvollen Macht des Bösen.
Es hat einen durchaus weltlichen Grund, dass sich das Kirchenoberhaupt nun dennoch "tief bekümmert" mit den Beschuldigungen gegen pädophile Priester beschäftigt und sich auch die deutschen Bischöfe zum Tabuthema äußern: Die Straftaten katholischer Priester könnten die Kirche viel Geld kosten. In den USA und in Irland klagen die Opfer - zumeist Jungen, denen jahrelang sexuelle Gewalt angetan wurde - auf Entschädigung in Milliardenhöhe. Zudem haben die Vorwürfe sich zu einer Vertrauenskrise ausgewachsen. Jeder Priester muss heute fürchten, von Eltern und Jugendlichen verdächtigt zu werden. Und es droht, wie stets nach solchen Enthüllungen, eine Welle von Kirchenaustritten.
In der päpstlichen Sprache, die nichts klar benennt und also alles verschweigt, offenbart sich jener Fehler, den die Kirche Jahrhunderte lang begangen hat. Nicht dass es sexuelle Übergriffe gibt und immer schon gegeben hat - auch in der Kirche, dem vermeintlichen Hort des Guten - ist skandalös. Missbrauch von Abhängigen existiert überall auf der Welt, in allen Kulturen, allen Berufsgruppen und allen Organisationen. Wobei sich Menschen mit pädosexuellen Neigungen mit Vorliebe eine Tätigkeit suchen, die ihnen Kontakt mit Kindern ermöglicht - das trifft auf Pfarrer zu, aber auch auf Lehrer oder Erzieher. Nur: Im allen anderen Organisationen gibt es in der Regel eine qualifizierte Auswahl und auch eine Kontrolle des pädagogischen Personals. Und es gibt einheitliche Sanktionen für jene, die gegen Gesetze verstoßen. Hinzu kommt noch etwas Anderes: In den vergangenen 40 Jahren wurde Sexualität gesellschaftlich Stück für Stück enttabuisiert. Damit veränderte sich auch der Umgang mit Verbrechen mit sexuellem Hintergrund: Vergewaltigung, Inzest, Kindesmissbrauch. Das hat - vor allem in Amerika - gelegentlich Überreaktionen ausgelöst und zur Verfolgung Unschuldiger geführt. Aber es hat doch ein Bewusstsein geschaffen für das, was richtig ist und was falsch, und es hat vor allem die Opfer gestärkt.
All das trifft auf die katholische Kirche nicht zu. Es gab bisher keine einheitlichen Sanktionen. Im Gegenteil: Noch vor wenigen Wochen empfahl der Papst den beschuldigten Priestern "Gebet und Beichte", um dem Bösen zu entkommen. Häufig wurden die Priester gedeckt, die Wahrheit wurde unterdrückt wie die Sexualität. Denn auch deren Enttabuisierung ging an der Kirche vorbei. Das Ideal vom entsagenden und damit gleichzeitig auch guten Pfarrer wurde hochgehalten (seinen Ausdruck findet es im Zölibat). Damit aber war weder eine Verfolgung der Täter noch ein Schutz und Hilfe für die Opfer möglich.
Einige von ihnen haben ihre Schuldgefühle abgelegt und die früheren Peiniger und damit die Kirche in die Auseinandersetzung gezwungen. Das Schweigen, auch das päpstliche, ist gebrochen. Erstmals spricht er klar. Man wolle gemeinsame Vorgehensweisen ausarbeiten, hieß es am Dienstag im Vatikan. Für das "Verbrechen Pädophilie" sei in der Kirche kein Platz. Wenn dem so sein soll, muss Offenheit - gerade beim Thema Sex - unter Katholiken in Zukunft ein Gebot sein.
(Berliner Zeitung 24.04.2002)


US-Priester wegen Kindesmissbrauchs verhaftet

San Diego - Wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern ist in den USA ein katholischer Priester verhaftet worden. Der 71-Jährige Peter Paul Shanley sei in seinem Haus im südkalifornischen San Diego festgenommen worden, teilte die Polizei mit.
Dem Priester in Ruhestand werden drei Fälle von sexuellem Missbrauch zwischen 1983 und 1990 zur Last gelegt. Er soll einen heute 24-Jährigen sieben Jahre lang sexuell missbraucht haben, seit dieser sechs Jahre alt war. Shanley soll in Kalifornien angeklagt und dann nach Newton im US-Bundesstaat Massachusetts ausgeliefert werden.
Vergangene Woche hatte die Erzdiözese von Boston Dokumente veröffentlicht, in denen Shanley unter anderem beschreibt, dass er sich regelmässig wegen sexuell übertragbarer Krankheiten behandeln liess.
Shanley ist einer der Priester, an denen sich der Missbrauchs-Skandal der katholischen Kirche in den USA entzündet hatte. Obwohl verschiedenen Geistlichen Kindesmissbrauch vorgeworfen w~jrde, leitete die Kirche keine Schritte gegen sie ein, sondern versuchte die Übergriffe zu vertuschen.
(news.ch 22.05.2002)


New Yorker Kardinal deckte pädophilen Priester

Washington - Der New Yorker Kardinal Edward Egan hat nach eigenen Angaben einen pädophilen Priester wissentlich gedeckt und unterstützt. Das gab Egan in einer vor fünf Jahren auf Video aufgezeichneten Zeugenaussage zu. Wie die "Washington Post" am Sonntag meldet, war Egan damals Bischof in Bridgeport im US-Bundesstaat Connecticut. Jetzt steht er der mächtigsten katholischen Diözese in den USA vor.
In einer Gerichtsverhandlung gegen einen Priester trat Egan 1997 als Zeuge auf. Dabei gab er zu Protokoll, er habe dem Priester angeboten, ihm ein Empfehlungsschreiben aufzusetzen, obwohl bereits schwere Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen diesen bestanden.
Egan sagte laut dem Video weiter, er würde einen Priester deshalb nicht einfach vom Dienst suspendieren. Die Priester seien selbstständig tätig und unterlägen nicht der Verantwortung eines Bischofs.
Dem Priester wurde damals vorgeworfen, in den Jahren 1962 und 1963 einen Teenager wiederholt sexuell missbraucht zu haben. Das Verfahren endete mit einer finanziellen Entschädigung.
(Washington Post 12.05.2002)


Interview mit Bürger beobachten Kirchen e.V.

Sexueller Missbrauch durch Priester: Warum bleiben Täter weiter straflos?
jW fragte Petra Duschner - Sozialpädagogin-, Sprecherin des Vereins »Bürger beobachten Kirchen«
F: Nach Bekanntwerden von zahlreichen Fällen sexuellen Mißbrauchs Minderjähriger durch Priester der katholischen Kirche wird das Thema international stärker beachtet. Wie bewerten Sie die Diskussion bislang?

Was bisher öffentlich bekannt wurde, ist nur die Spitze des Eisberges. Auch weiterhin genießen Priester den Schutz der Institution Kirche und brauchen sich oftmals nicht für ihre Handlungen bis zur letzten Konsequenz zu verantworten. Daß dies keine bloße Erscheinung unserer Zeit ist, zeigt die Kirchengeschichte, in der Gewalt und sexuelle Ausbeutung von Kindern und Frauen ebenso Tradition hat wie Vertuschung unmoralischer Handlungen sowie die Manipulation und Unterdrückung der sich der Kirche anvertrauenden Menschen.

F: Die katholische Kirche in den USA hat auf die Vorwürfe mit einer Regelung reagiert, nach der ein Priester erst dann entlassen werden soll, wenn ihm mehrfacher Mißbrauch nachgewiesen wird. Ist das für Sie akzeptabel?

Das zeigt, daß die Kirche nur darauf bedacht ist, ihre Vertreter zu schützen. Begeht ein normaler Mensch eine solche Tat, so wird er von der Staatsgewalt zur Rechenschaft gezogen. Warum nicht ein Priester, Bischof oder Kardinal?

F: Werden einzelne Priester erst durch die restriktive Sexualpolitik der katholischen Kirche pädophil oder wählen Männer mit dieser Neigungen bewußt das Priesteramt?

Sicher findet man beide Aspekte. Eine Lehre, die wie in der katholischen Kirche auf Angst- und Verdrängungsmechanismen basiert, führt ihre Anhänger zwangsläufig in schwere psychische Konflikte. Deshalb findet man unter Priestern dieser Kirche auch sehr viele Alkoholiker. Das ist vielleicht noch die harmloseste Variante, sich »Luft« zu machen. Kritischer wird es bei Personen, die einen noch labileren Charakter haben oder gar diese Veranlagungen mitbringen. F: Welche Konsequenzen hat diese Erkenntnis für Sie? Aus Erfahrungen mit Betroffenen und in Anbetracht der starren Haltung der Kirche kann man nur davon abraten, Kinder dieser Institution anzuvertrauen.

F: Auffällig ist, daß nicht nur in Deutschland politische Parteien eine gewisse Scheu haben, das Thema aufzugreifen. Warum diese Vorsicht?

Die Macht der Kirchen ist in ihren besonderen Rechten, zum Beispiel durch die Anerkennung als »Körperschaft öffentlichen Rechts« und in ihrem immensen Reichtum begründet. Kirchenvertreter sitzen in entscheidenden Gremien in Staat und Gesellschaft, sei es in Medienbeiräten oder anderen den Diskurs dominierenden Gremien. Diese Verfilzung von Staat und Kirche ist das hauptsächliche Problem.
(Interview jw - Christian Kliver 02.07.2002)


Sexueller Missbrauch über Jahre

Mainzer Priester unter Verdacht
Im Juni schauten deutsche Priester noch erschüttert zu, wie die US-Kardinäle beim Papst ihr Problem mit dem tabuisierten sexuellen Missbrauch angingen. Schon damals mag dem einen oder anderen gedämmert haben, dass dieses Thema auch auf die deutschen Kirchen zukommt. Das Bistum Mainz hat nun einen Priester wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen beurlaubt. Der "Spiegel" hatte berichtet, der Priester habe einen ihm anvertrauten 14-jährigen Jungen sexuell missbraucht. Der Missbrauch sei über Jahre hinweg geschehen, offenbar mit Wissen seiner engsten Mitarbeiter, heißt es in dem Bericht. Der Personalchef des Bistums, Dietmar Giebelmann, habe immer deutlichere Hinweise auf das sexuelle Treiben des Priesters erhalten und so gut wie nichts getan. So habe er den Priester zu diskreten Gesprächen ins Bischöfliche Ordinariat bestellt, wo der jedoch alle Vorwürfe bestritten habe. Die Vorwürfe blieben ohne Folgen. Der Generalvikar des Bistums Mainz, Werner Guballa, teilte hingegen mit, unmittelbar nach Bekanntwerden der ersten Vermutungen in diesem Fall habe das Bistum das Jugendamt und auch auf Bitten des Betroffenen die zuständige Staatsanwaltschaft informiert. "Bis zur Klärung der Vorwürfe ist der Betroffene von seinen priesterlichen Ämtern beurlaubt. Die notwendige innerkirchliche Untersuchung ist eingeleitet", erklärte Guballa. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Karl Lehmann, reagierte in einer ersten Stellungnahme "sehr beunruhigt". "Besonders schmerzt mich das Leid, das den Opfern in solchen Fällen zugefügt wird", erklärte er. Die Deutsche Bischofskonferenz werde die bereits eingehend erörterten Maßnahmen zur Prävention und Aufarbeitung von Fällen pädophilen Fehlverhaltens kirchlicher Mitarbeiter auf ihrer Herbstvollversammlung im September verabschieden. Lehmann fügte hinzu: "Wir müssen uns allerdings selbstkritisch fragen, ob wir diesbezüglich nicht noch konsequenter werden vorgehen müssen. Allerdings stoßen wir dabei nicht selten an die Grenzen einer schnellen und verlässlichen Aufklärarbeit." Die Kirche befinde sich wie die Gesellschaft in einem Lernprozess über diese ernste Problematik.
(N-TV Montag, 15. Juli 2002 )


Leitartikel zum Thema Missbrauch

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Leitartikel zum Thema Missbrauch.
Mit ihrer Sexualmoral sitzt die katholische Kirche in Deutschland auf einem hohen Ross. Das Thema Missbrauch an Jugendlichen durch lüsterne Priester unter der Tarnkappe geistlicher Autorität scheint für sie nur am Rande der Realität vorzukommen. Stattdessen maßt sich der Kölner Erzbischof Joachim Meisner das Recht an, mit moralischen Zensuren in die Politik einzugreifen. Der unverheirateten Mutter Katherina Reiche bestreitet der Kardinal die sittliche Qualifikation, dem Stoiber-Team für die Wahl am 22. September anzugehören. Die Union solle ihr christliches C wegen ethischer Defizite lieber ganz aus ihrem Parteinamen streichen, meint der Kölner Oberhirte. Es ist erst ein paar Wochen her, dass amerikanische Kardinäle und Bischöfe im Vatikan zur Beichte antreten mussten. In den USA war jahrzehntelanger Missbrauch von Priestern an Kindern aufgeflogen. Immer mehr Opfer brachen ihr Schweigen, forderten Schadenersatz. Die Kirchenleitungen konnten die sexuellen Übergriffe nicht länger vertuschen. Papst Johannes Paul II. verurteilte den Missbrauch des priesterlichen Amtes als „Verbrechen“ und forderte Strafen und gründliche Kontrolle. Obgleich Missbrauchsfälle auch katholische Diözesen in Afrika, Australien, in Polen und anderen europäischen Ländern erschütterten, reagierten die deutschen Bischöfe seltsam unberührt. Auf ihrer Frühjahrsversammlung verwiesen sie das Thema an eine Kommission, mit deren Ergebnissen sie sich auf der Herbstversammlung im September wieder beschäftigen wollen. Wachen die Bischöfe auf? Jetzt scheinen aktuelle Enthüllungen das Phlegma der deutschen katholischen Kirchenleitung aufzuweichen. Im Bistum des Mainzer Bischofs Karl Lehmann ermittelt seit gestern die Staatsanwaltschaft gegen einen des Missbrauchs verdächtigen Priester. Unter dem Eindruck auch anderer Fälle, die ins Licht der Öffentlichkeit geraten, peilt der ansonsten umsichtige Kardinal aus Mainz eine späte Kurskorrektur an. „Selbstkritisch“ müssten sich die Bischöfe fragen, meint er, ob sie zur Aufklärung von Missbrauch und zur Vorbeugung nicht „noch konsequenter“ vorgehen sollten. Das fordern katholische Laien schon lange. Die Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ wagt sich am weitesten vor. Sie verlangt die Einrichtung von Ombudsstellen für Missbrauchte. Die Beauftragten sollen unabhängig von bischöflichen Ordinariaten arbeiten, damit eine sich selbst schützende Priesterhierarchie die Aufklärung nicht verzögern und den Tätern zu schnell verzeihen kann. Solcher Kontrolle steht allerdings das katholische Verständnis von Kirche entgegen. Die verkörpert sich im Gehorsam von oben nach unten in einer heiligen Priesterschaft, die sich „demokratischer“ Überwachung prinzipiell entzieht. Ein anderer Reformvorschlag berührt ebenfalls einen Grundkonflikt in der katholischen Weltkirche. Die Bistümer eines Landes sollten sich auf ein gemeinsames Vorgehen gegen sündige Geistliche verständigen, heißt es. Dann könne nicht mehr jede einzelne Diözese ihr Image nur nach außen hin rein halten. Solche zentralistischen Ansätze aber stören die Bemühungen derer, die gegenüber der römischen Zentrale mehr Selbstständigkeit fordern und die am liebsten aus jedem Bistum „ein kleines Rom“ machen wollen. „Biotop“ für sexuell Gestörte Der eigentliche Schwachpunkt im katholischen System aber ist die Sexualmoral. Sexualität wurde im Laufe der Jahrhunderte immer mehr tabuisiert. Dies gipfelte im Jahre 1139 im Pflichtzölibat – in der erzwungenen Ehelosigkeit der Priester. Ist es verwunderlich, dass der Priesterberuf auch Bewerber anzieht, die sexuell gestört sind und unter dem Schutzmantel der Heiligkeit perverse Auswege suchen? Die Missdeutung von Ordensgemeinschaften und Priesterseminaren als „Biotope“ für pädophil Veranlagte verdunkelt das Ansehen des überwiegenden Teils der Priesterschaft, die in vielen Gemeinden seelsorgerlich und sozial vorbildlich arbeiten. Da der Pflichtzölibat kein Dogma, sondern „nur“ Kirchengesetz ist, ließe er sich wieder aufheben oder zumindest lockern. Obgleich dies von vielen kirchentreuen Katholiken gefordert wird, ist der Vatikan meilenweit davon entfernt. Gerade in einer sich sexualisierenden und pornografisierenden Weltgesellschaft könnten Geistliche, die wissen, wovon sie sprechen, moralisch lebbare Grenzen markieren. Die Glaubwürdigkeit der Kirche hängt – auch – ab von einer menschlichen Sexualmoral.
(haz 15.07.2002)


Beschuldigter Pfarrer unterrichtete in Viernheim

Priester war Schulseelsorger
Ein wegen sexuellen Missbrauchs beschuldigter Pfarrer unterrichtete in Viernheim
VIERNHEIM. Der wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch eines 14 Jahre alten Jungen beurlaubte katholische Priester aus dem Kreis Groß-Gerau war auch vier Jahre lang als Schulseelsorger an der Viernheimer Albertus-Magnus-Schule tätig. Dort unterrichtete er von 1995 bis 1999 katholische Theologie und half bei der Betreuung der Gemeinden St. Michael und St. Hildegard. Von Vorwürfen gegen den Geistlichen sei damals nichts bekannt gewesen. Die Vorwürfe gegen den Geistlichen reichen nach Informationen des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ jedoch zurück zu Vorfällen in einer Gemeinde im Taunus 1988, wo der Pfarrer einem Jugendlichen Geld für Sex geboten haben soll. Bereits im Sommer 1999 sollen Eltern die Ablösung des Pfarrers im zuständigen Bistum Mainz beantragt haben. Dies dementierte jedoch das Bistum: Es habe damals keine klaren Hinweise gegeben. Als Erkenntnisse vorgelegen hätten, sei der Mann auch sofort beurlaubt worden. Er soll sich mittlerweile in einem Kloster aufhalten.
(echo-online 17.07.2002)


USA: Ausweitung des Skandals um pädophile Priester

Druck auf die katholische Kirche in den USA
Ausweitung des Skandals um pädophile Priester
Dokumente aus der katholischen Erzdiözese Boston belegen, dass die Kirchenführung wider besseres Wissen pädophile Priester im Kirchendienst beliess und die betroffenen Gemeinden teilweise nicht einmal vorwarnte. Angesichts der Flut von Entschädigungsklagen von Opfern sexuellen Missbrauchs erwägt das Erzbistum den Konkurs.A. R. Washington, 6. DezemberDer Skandal um die Welle von Pädophilie-Fällen in der römisch-katholischen Kirche der USA hat sich diese Woche erneut ausgeweitet. Im Brennpunkt steht einmal mehr die Erzdiözese von Boston, deren Leiter, Kardinal Bernard Law, wegen seiner Rolle bei der Vertuschung der Missbrauchsfälle unter starken Druck geraten ist. Ein Richter im Teilstaat Massachusetts hat auf Antrag von Klägern die Freigabe von mehr als 11 000 Dokumenten der Erzdiözese angeordnet. Rund 2000 wurden nun veröffentlicht. Sie zeichnen das Bild einer Kirchenführung, die fehlbare Priester wider besseres Wissen in pastoralen Ämtern beliess und den Opfern gegenüber weniger Mitgefühl zeigte als gegenüber den Tätern. Die Dokumente zeigen auch, dass Kardinal Law jahrelang persönlich von Fällen sexuellen Missbrauchs gewusst hatte, ohne die Fehlbaren aus dem Kirchendienst zu entfernen.
Kardinal Law in schiefem Licht
Die Erzdiözese Boston hatte beispielsweise einen Priester in zwei Gemeinden eingesetzt, obwohl der Mann wegen Pädophilie in Behandlung gewesen war und das betreuende Zentrum davor gewarnt hatte, ihm wieder ein Amt zu geben, das ihn in Kontakt mit Kindern bringen würde. In der Folge beging der Priester sexuelle Übergriffe gegen sechs weitere Knaben. Seine unmittelbaren Vorgesetzten waren über seine Vergangenheit im Unklaren gelassen worden. Als Kardinal Law den Priester 1991 endlich absetzte, schrieb er ihm einen mitfühlenden Brief, in dem er den Missetäter als «grosszügiges Instrument der Liebe Gottes» bezeichnete. In einem anderen Fall während der achtziger Jahre verging sich ein Priester an minderjährigen Nonnenschülerinnen. Seine sexuellen Handlungen begründete er damit, die Mädchen sollten sich vorstellen, von Christus berührt zu werden. Obwohl über die Anschuldigungen in-
formiert, griff die Kirchenführung auch hier nicht durch. Als der Wiederholungstäter sein Amt 1996 im Alter von fast 70 Jahren aufgab, schrieb ihm Law einen Dankesbrief, in dem er seinen tiefen Glauben lobte. Andere Dokumente zeigen den Fall eines Priesters, der mit einer verheirateten Frau zwei Kinder gezeugt hatte. Als sich seine Geliebte mit einer Überdosis Medikamente das Leben nahm, liess er es geschehen, ohne eine Nothilfe zu veranlassen. Law schien auch hier aktiv zur Vertuschung des Falles beizutragen.
Moralischer und finanzieller Bankrott?
Die Dokumente bedeuten Wasser auf die Mühlen jener Kläger, die der Erzdiözese eine Mitverantwortung für den sexuellen Missbrauch durch Priester anlasten. Laut Presseangaben ist die Erzdiözese Boston mit etwa 450 solchen Klagen konfrontiert; sie könnten zu Entschädigungsverpflichtungen von über hundert Millionen Dollar führen. Unter der Last dieser Forderungen erwägt die Leitung des Erzbistums mittlerweile, den Konkurs zu erklären. Unter angeschlagenen Firmen ist die Anrufung von Chapter 11 zum Schutz vor Gläubigern zwar ein probates Mittel, aber in der amerikanischen Kirchengeschichte wäre es ein präzedenzloses Vorgehen. Es würde weithin als Eingeständnis aufgefasst, dass die Diözese nicht nur finanziell, sondern auch moralisch Bankrott erlitten hat. Die Glaubwürdigkeit der Kirche leidet zudem darunter, dass Kardinal Law die Skandale offenbar einfach auszusitzen gedenkt.
Eine weitere Welle von Entschädigungsklagen erwarten die Bischöfe in Kalifornien. Dort tritt nächstes Jahr ein Gesetz in Kraft, das die bisherige Einschränkung für Pädophilie-Klagen -die Opfer mussten sie vor ihrem 26. Altersjahr einreichen - vorübergehend aufhebt. Die Bischöfe wollen nun am Sonntag einen Brief verlesen lassen, in dem sie die Kirche als Opfer eines Angriffs gieriger Anwälte darstellen und davor warnen, die Kirche als Goldgrube zu missbrauchen.
(Neue Zürcher Zeitung, 7./8. Dez. 2002)


Polizei ermittelt wegen sexuellen Missbrauchs gege

Regensburg (dpa) - Ein katholischer Priester im Bistum Regensburg soll Kinder sexuell missbraucht haben. Das Bischöfliche Ordinariat Regensburg teilte mit, der Pfarrer von Neukirchen zu St. Christoph sei mit sofortiger Wirkung von der Seelsorge entbunden worden. Das Ordinariat sei Mitte der Woche darüber informiert worden, dass die Polizei wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern gegen den Geistlichen ermittele. Derartige Fälle erschüttern seit Tagen die katholische Kirche in Deutschland.
(Die Harke 18.07.2002)


Pyjama-Party mit Father Gilbert

ENDE DER VERSCHWIEGENHEIT
Amerikas Katholiken und die Missbrauchsdebatte "Der Schaden, den einige Priester den Jungen und den Verletzlichen angetan haben, erfüllt uns mit tiefer Traurigkeit und Scham." Mit diesen Worten hat Papst Johannes Paul II. während des Weltjugendtreffens in Toronto die Skandale um pädophile Priester in der katholischen Kirche bedacht. Er ging mit keinen Wort darauf ein, dass es der Vatikan war, der vor allem die Bischöfe in den USA jahrzehntelang darin bestärkte, Fälle von Kindesmissbrauch "intern" zu regeln. Von heute an wird niemand, von dem wir wissen, dass er ein Kind sexuell missbraucht hat, weiter für die katholische Kirche Amerikas tätig sein. Wir Bischöfe entschuldigen uns bei den Opfern und für unsere tragisch langsame Reaktion auf den Horror sexuellen Missbrauchs." Als Bischof Wilton Gregory, der Präsident der US-Bischofskonferenz, mit dieser ungeschminkten Entschuldigung Ende Juni die Nationale Konferenz des amerikanischen Episkopats eröffnet, riskiert er im Namen seiner bedrängten Kirche noch keine Wende, aber doch einen sensationellen, historischen Doppel-Schritt: Zum einen verabschiedet er sich mit einem Mea Culpa von jeglicher Toleranz für hausgemachte Kinderschänder - zum anderen bricht er mit einer verschwörerischen, über Jahrzehnte praktizierten Verschwiegenheit. Der Druck an der Basis lässt keine andere Wahl. Pädophile Pfarrer haben die katholische Kirche der USA in die größte Krise ihrer Geschichte gestürzt. Bischof Gregory nimmt die im texanischen Dallas versammelten, ihrer Würde beraubten Eminenzen kräftig ins Gebet. Eine pünktlich zum Konferenzbeginn veröffentlichte Recherche der Dallas Morning News vertieft die Katastrophenstimmung: Die Zeitung gibt den Anteil der Bischöfe, die das Treiben pädophiler Pfarrer aktiv - das heißt durch Versetzung - oder passiv durch Wegsehen unterstützt hätten, mit 87 Prozent an. Parallel dazu wartet die Washington Post mit einer Langzeitstudie auf: Seit 2000 seien mehr als 500 pädophile Priester aus ihren Ämtern entfernt wurden, vier Bischöfe in Verbindung mit dem Skandal zurückgetreten. In 19 Bistümern liefen Gerichtsverfahren, bei denen die Kirche unter anderem der kriminellen Verschwörung angeklagt sei. Damit nicht genug, sehen sich die "Prinzen" der Kirche auch noch mit dem Vorwurf des Inzests konfrontiert. Die nach Dallas geladene Professorin für klinische Psychologie, Maria Frawley O´Dea, lässt in ihrem Vortrag über die verletzte Psyche eines sexuell missbrauchten Kindes keinen Zweifel an der Dimension der Verbrechen: "Das Verbot von Inzest ist ein Fundament unserer Kultur. Ein Priester, der sich an einem Kind oder einem Jugendlichen vergeht, macht sich ohne jeden Zweifel des Inzests schuldig. Es handelt sich um einen sexuellen Übergriff innerhalb der erweiterten Familie, in der ein Pfarrer die überragende Vaterfigur darstellt. Nur Gott steht über ihm. Sexuelles Vergehen von Priestern ist Inzest." Im Eiltempo verabschieden die schockierten Bischöfe eine Kinderschutz-Charta, die Eltern in Zukunft das Gefühl geben soll, sich nicht mehr sorgen zu müssen, wenn sie ihre Söhne und Töchter der Obhut eines Pfarrers anvertrauen. Aber: Kann nun dem Klerus wieder vertraut werden, jenem Personal der Kirche, das wegen seiner Verschwiegenheit dieser Tage auch mit der Mafia verglichen wird? Nach Monaten des Entsetzens hoffen die Optimisten unter Amerikas 63 Millionen Katholiken auf die Karthasis der Krise. Doch die Skeptiker im Kirchenvolk überwiegen und warnen vor großen Erwartungen: Der unsägliche Skandal um pädophile Priester und ihre bischöflichen Komplizen sei alles andere als neu. In der Tat stand die katholische Kirche schon vor 20 Jahren vor genau dem gleichen Problem. Auch damals gab es das Versprechen der Besserung - doch alles wurde mit der Zeit unter den Teppich gekehrt. Seinerzeit perlte jede Warnung vor dem drohenden Skandal an der obsessiven, von Rom befohlenen und überwachten Verschwiegenheit ab. Niemand sprach von den Opfern, Mitgefühl für sie und ihre Familien stand nicht zur Debatte. Tatsächlich bricht die Kirche ihr Schweigen erst, als sie es Mitte der achtziger Jahre mit der typisch amerikanischen Spezies der Whistleblower zu tun bekommt - couragierten Einzelkämpfern, die als Frühwarnsystem fungieren und als erste die Stimme erheben, wenn eine Katastrophe droht. In diesem Fall sind es mit dem Mut der Verzweiflung agierende Männer und Frauen, die versuchen, die Aufmerksamkeit von Kirche und Öffentlichkeit auf das kriminelle Treiben von Pfarrern zu lenken. Ohne die bahnbrechende Vorarbeit der Whistleblower Barbara Blaine, Ray Mouton, Father Doyle, Eugene Kennedy oder Carl Cannon hätte die Kirche an ihrer Strategie des Verschweigens und Vertuschens wahrscheinlich festgehalten. Insofern lohnt sich ein näherer Blick auf diese selten gewürdigten Helden inmitten eines Desasters, dessen Tragweite den Rahmen eines bloßen Sex-Skandals längst gesprengt hat. Denn der Vertrauensbruch zwischen Klerus und Kirchenvolk wird in Amerika von seiner Wirkung her inzwischen mit dem Abfall Martin Luthers und der Reformation verglichen. Als sich 1984/85 die ersten Whistleblower hervorwagen, kommen sie aus den Reihen der Opfer. Ihnen zur Seite stehen bald engagierte Anwälte, die das damals höchst unpopuläre und im Gegensatz zu heute wenig lukrative Tabu-Thema anpacken. Barbara Blaine, eine Sozialarbeiterin aus Chicago, ist die erste Frau, die mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit tritt. Blaine, heute 46, sucht 1985 Hilfe bei ihrer Kirche.: "Ich selber wurde als Kind und als Teenager in Toledo, Ohio, missbraucht. Als ich 29 Jahre alt war, wandte ich mich an die Kirche und bat um Hilfe. Ich rechnete damit, dass sie den Priester seines Amtes entheben würden. Aber niemand zeigte Mitgefühl. Es kam ihnen nur drauf an, dass dem Pfarrer nichts passierte. Es war schmerzlich, erkennen zu müssen, dass die Kirche nur an sich dachte. Deshalb machte ich mich auf die Suche nach anderen Opfern in der Hoffnung, einander helfen zu können, und gründete die Organisation SNAP." Die survivors of those abused by priests - übersetzt: Überlebende sexuellen Missbrauchs durch Priester - haben keine Mühe, Mitglieder zu finden. Bald wird aus einer Handvoll lokaler Gruppen ein nationales Netzwerk, das im Schatten jeder Bischofskonferenz auftaucht, doch wird dort die SNAP entweder ignoriert oder als lästiger Störenfried abgetan. Auch der Anwalt Ray Mouton schweigt nicht, er fällt 1985 in Ungnade, weil er der Co-Autor eines zwar von der Kirche bestellten, dann aber als "überzogen" gewerteten und in der Folge geächteten Reports zum Thema Pädophile Pfarrer ist. Darin heißt es geradezu prophetisch, das Problem grassiere landesweit, auf die Kirche kämen Wiedergutmachungen in Millionenhöhe zu. Der aus dem Süden Louisianas stammende Mouton verdankt seine Erkenntnisse den Erfahrungen, die er 1983 macht, als ihn die Diözese Lafayette bittet, die Verteidigung von Father Gilbert Gauthe zu übernehmen: "Gauthe war der erste pädophile Pfarrer, der in den USA vor Gericht stand. Er hatte Chorknaben-Proben jeweils auf den frühen Morgen gelegt und den Eltern gesagt, dass sie sich den langen Weg von der Farm zur Kirche sparen und ihre Söhne bei ihm übernachten könnten. Dann veranstaltete er diese Pyjama-Partys - mit vier oder fünf Kindern. Mehrmals pro Woche." Father Gilbert Gauthe steht 1984 vor Gericht: sexueller Missbrauch von Kindern in 34 Fällen, lautet die Anklage. Dass es jemanden wie Gauthe geben könnte, hat Anwalt Ray Mouton nie für möglich gehalten. Er sei damals ein gläubiger, aufrechter Katholik gewesen, erinnert er sich. "Meine Familie war erzkatholisch und stiftete das Grundstück für die Kathedrale von Lafayette ..." Moutons Verbundenheit mit der Kirche lässt nach, als ihm klar wird, dass die Vorgesetzten des Priesters bereits seit zehn Jahren über seine Veranlagung Bescheid wissen. Als der zuständige Bischof von den Sexualdelikten erfährt, befiehlt er Gauthe, seine "Sünden zu beichten", um dann nie mehr darauf zurück zu gekommen. Mouton: "Anfangs hielt ich den Priester für ein verirrtes, vom Weg abgekommenes Individuum. Ein Jahr später glaubte ich, dass es einen Kult pädophiler Priester innerhalb der Kirche gäbe, und heute bin ich davon überzeugt, dass in diesem Land eine solche klerikale Lebensweise wie eine Kultur gepflegt wird." - Gilbert Gauthe wird 1985 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt. Nach einem Jahrzehnt entlässt man ihn wegen guter Führung. Wenig später vergeht er sich an einem Dreijährigen. Die Strafe, sieben Jahre Gefängnis, sitzt er heute noch ab. Noch immer behauptet Rom, von nichts gewusst zu haben. Wahr ist, dass der Vatikan vor 17 Jahren den außergewöhnlichen Schritt unternimmt, Bischof A. J. Quinn aus Cleveland nach Louisiana zu schicken, um den Fall des Priesters Gauthe vor Ort zu untersuchen. Quinn ist der Empfänger des Reports, den Anwalt Mouton und der Kirchenrechtler Tom Doyle im Auftrag der Kirche verfasst haben und in dem davor gewarnt wird, dass sich Fälle pädophiler Priester landweit häufen. Der Report soll der Bischofskonferenz vorgelegt werden, doch soweit ist es wahrscheinlich nie gekommen, vermutet Tom Doyle: "1985 kündigten die Bischöfe auf einer Pressekonferenz eine Untersuchungskommission an. Ich fragte einen meiner Kontaktleute in der Kirchenhierarchie, wer in diese Kommission berufen worden sei. Er sagte, es gäbe keine - die täten nur so als ob." Eugene Kennedy, Professor für klinische Psychologie an der Loyola-Universität in Chicago, ist bei den Bischöfen auf ähnliche Passivität gestoßen. Der frühere Dominikanerpater leitet schon Anfang der siebziger Jahre im Auftrag der Kirche ein Forschungsteam, das eine psychologische Studie über Priester in mehreren US-Bundesstaaten vorlegt - die umfangreichste Erhebung, die es je gab. Ihre Schlussfolgerung: Zwei Drittel der 271 Befragten müssten als "emotional unterentwickelt" eingestuft werden. Für diese jungen Priester sei typisch, dass sie die Herausforderungen der Adoleszenz nicht bestanden hätten und auf vorpubertärer Ebene verharrten. Das bedeute, dass sie zwar gleichgeschlechtliche Freundschaften schließen, aber darüber hinaus keine Beziehungen zum anderen Geschlecht entwickeln könnten. Sie seien schlecht vorbereitet auf das Zölibat und anfällig für Zusammenbrüche. Diese Studie hätte - wäre sie beachtet worden - vermutlich großen Schaden abwenden können, doch wird sie stillschweigend ad acta gelegt. Da gelingt es Mitte 1985 den Journalisten Thomas Fox und Jason Berry vom National Catholic Reporter das Tabu-Thema als Titelgeschichte zu bringen. Allerdings hält es die Chefredaktion des kirchenunabhängigen Blattes für ratsam, die Leser durch einen vorangestellten Kommentar auf die Enthüllungen vorzubereiten, in dem immerhin steht: "Landesweit ist die Kirche mit Skandalen konfrontiert und sieht sich gezwungen zig Millionen Dollar an Familien zu zahlen, deren Söhne von katholischen Pfarrern sexuell belästigt worden sind". Tief im Inneren der Zeitung dürfen Fox und Berry dann schreiben, die Kirchenführung wisse nicht, wie sie das Problem angehen solle, zu oft würden schuldig gewordene Pfarrer in Schutz genommen. Die Leser des National Catholic Reporter reagieren mit einem Schrei der Empörung: "Ihr zerstört die Kirche!" werden die Reporter beschimpft. Erst ein Jahr später, als Jason Berrys Buch Führe uns nicht in Versuchung. Katholische Pfarrer und sexueller Missbrauch von Kindern für den Pulitzer Preis nominiert wird, hören die "Nestbeschmutzer"-Rufe auf, die auch deshalb so hysterisch klingen, weil die nationale Presse ansonsten das Themas nur zögerlich aufgreift. Karl Cannon, Präsident der White House Correspondents Association, der 1987 als einer der ersten für die San José Mercury News eine preisgekrönte Serie über den Kirchenskandal schreibt, erinnert sich: "Vor 20 Jahren hatten die Medien Schwierigkeiten, Stories zum Thema Vergewaltigung von Chorknaben zu bringen. Heute ist das anders, weil vor allem die Opfer inzwischen eine andere Haltung haben. Früher glaubten die meisten von ihnen noch, die Kirche werde sich des Problems schon annehmen ..." Die jüngsten Offenbarungen sind nicht mehr irgendwo in kleinen Provinzblättern erschienen, sondern im einflussreichen Boston Globe und damit im katholischen Kernland der USA. Außerdem wagt sich die US-Presse heute völlig unbeeindruckt an das Thema Sex. Das verkaufe sich so gut wie nie, was wohl mit der Post-Lewinsky-Ära nach der Affäre um die Clinton-Praktikantin im Weißen Haus zu tun habe, glaubt Cannon. "In der Post-Monika-Welt sind Journalisten bereit, über sexuelle Themen - egal wie geschmacklos - zu berichten. Das gehört heute zum Alltagsgeschäft. Ich sehe darin einen gesellschaftlichen Wandel, der schließlich auch das Thema ›Pädophilie und Kirche‹ auf die Seite eins gebracht hat - wo es hingehört." Wann werden die Bischöfe zur Rechenschaft gezogen? Sollen sie bestraft werden? Von wem? Was will die Kirche tun, um sich mit den Opfern zu versöhnen? Und: Was wird Rom sagen, wenn sie sich dazu entschließt? Dort wird trotz gegenteiliger Beweise die Illusion genährt, es handele sich um ein spezifisch amerikanisches, medial übertriebenes "Problem". Werden die amerikanischen Bischöfe vor Rom nun weiter zu Kreuze kriechen? Oder wird es von Amerika ausgehende Reformen geben, die an Luthers Reformation erinnern und eine neue Ära einläuten könnten: das Ende der mittelalterlichen Verschwiegenheit? Mit weniger werden Amerikas Katholiken diesmal nicht zufrieden sein.
(Barbara Jentzsch 02.08.2002)

Strafanzeige gegen Priester

Betroffener Jugendlicher hat sich gemeldet Bei den Ermittlungen gegen einen katholischen Priester aus Rüsselsheim, der mehrfach Jungen sexuell missbraucht haben soll, liegt der Staatsanwaltschaft Darmstadt eine erste Strafanzeige vor. Wie der Sprecher der Behörde, Ger Neuber, gestern gegenüber dem „Echo“ bestätigte, hat der Verein „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ mit Sitz im rheinland-pfälzischen Wirges am Montag Anzeige bei der Polizei in Rüsselsheim erstattet.„Damit haben wir parallel zu den Informationen aus dem Bistum Mainz eine zweite Quelle für unsere Ermittlungen“, sagte Neuber. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf den Fall eines 14 Jahre alten Jungen, der in diesem Jahr einige Wochen im Haus des Priesters in Rüsselsheim gelebt haben soll. Nach Angaben des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ hatte der Priester die Betreuung des Jugendlichen übernommen. Außerdem überprüft die Justiz Vorwürfe, nach denen der Geistliche bereits Ende der achtziger Jahre einen weiteren Jungen über Jahre hinweg in einer Kirchengemeinde im Taunus missbraucht haben soll.Ein Sprecher der „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ sagte, er habe die Strafanzeige gestellt, nachdem sich ein Betroffener bei ihm gemeldet habe. „Der Jugendliche hat mir am Telefon die Taten geschildert und mich gebeten, es der Polizei zu melden.“ Ob der Anrufer der Junge aus Rüsselsheim war, in dessen Fall die Staatsanwaltschaft ermittelt, wollte der Sprecher nicht sagen. Die katholische Kirche hat den Pfarrer inzwischen beurlaubt. Nach Angaben des Bistums Mainz befindet er sich zurzeit in einem Kloster. Der 47 Jahre alte Priester hatte seit September 2000 die katholische Doppelpfarrei Auferstehung Christi und Dreifaltigkeit im Rüsselsheimer Stadtteil Dicker Busch betreut. Zusätzlich unterrichtete er das Fach katholische Religion an der Humboldt-Gesamtschule in Rüsselsheim. In den Jahren davor war der Beschuldigte Pfarrer in Bad Homburg und in Viernheim. Wie das Bistum Mainz gestern mitteilte, soll für die Priesterstelle der Rüsselsheimer Pfarrei mit rund 3500 Gemeindemitgliedern bis zum Wochenende eine Übergangsregelung gefunden werden. Ein Priester einer anderen Rüsselsheimer Gemeinde solle offiziell als Pfarrverwalter eingesetzt werden. Nach Angaben der Darmstädter Staatsanwaltschaft hatte sich das Bistum auf Bitten des Priesters an die Behörde gewandt, nachdem immer mehr Vorwürfe sexuellen Missbrauchs gegen den Geistlichen erhoben worden waren. Der „Spiegel“ hatte am Montag über den Rüsselsheimer Fall sowie über angebliche weitere sexuelle Übergriffe des Pfarrers in anderen von ihm betreuten Gemeinden des Bistums seit 1988 berichtet.„Wir werden jetzt mit der gebotenen Geschwindigkeit ermitteln und können erst Auskunft geben, wenn wir mit den Beteiligten gesprochen haben“, sagte Neuber dem „Echo“. Erst dann sei auch die Frage zu klären, ob zumindest länger zurückliegende Taten verjährt seien. Denkbar sei auch, dass der betroffene Jugendliche aus dem Taunus zur Tatzeit bereits 16 Jahre alt war und die Handlungen mit seinem Einverständnis erfolgten. Diese Version hatte der Priester dem Mainzer Generalvikar Werner Guballa geschildert. Nach dessen Auskunft soll diese Beziehung etwa zehn Jahre gedauert haben.
(echo online 16.07.2002)

Immer mehr Fälle von Missbrauch durch Priester

Skandalwelle in Amerika, Polen und Irland. Die Oberkirche mauert, solange es geht. Worin liegt die Lösung?
Seit Anfang 2002 ereignet sich in den USA ein katastrophaler Zusammenbruch des Vertrauens in die Geistlichen der katholischen Kirche.
Auslöser: Serienweise werden Fälle von sexuellem Missbrauch von Kindern und Abhängigen durch Priester öffentlich. Und da die Vereinigten Staaten die Nation mit den höchsten Schadensersatzsummen sind, drohen der katholischen US-Kirche Richtersprüche in Höhe von etlichen Milliarden Dollar. Die zu erwartenden Strafen werden bezahlbar sein. Viel schwerer wiegt, weil kaum oder nicht »reparierbar«, die Seelenzerstörung der vielen Opfer des Missbrauchs. Schaden ohne Ende. Eine Katastrophe für die Amtskirche. Es waren gerade die frömmsten, kirchentreuesten Eltern, die ihre Kinder in die Obhut von derart verbrecherischen Geistlichen gegeben hatten.
Das Problem der priesterlichen Grabscher, Vergewaltiger und Kinderschänder - auf das mit der Gründonnerstagsbotschaft sogar der Papst höchstpersönlich kritisch reagierte - ist weder auf die römische Konfession noch auf die Vereinigten Staaten beschränkt. Aktuell schwappen ähnliche Skandalwellen durch Australien, Polen, Irland, Kanada und andere Länder. Neben Vertretern katholischer Priester und Schul-Orden gerieten auch anglikanische sowie protestantische Geistliche auf die Anklagebank.
»Lasset die Kindlein zu mir kommen«? Der Fisch stinkt vom Kopf her. Jüngst hat der Bischof von Palm Beach, Florida, sein Amt niedergelegt, weil er Unzuchtkontakte gestehen musste. Bischof Anthony O‘Connell bestätigte den Bericht einer Ortszeitung, er habe in den 70er Jahren einen Jungen in einem Priesterseminar im Bundesstaat Missouri »gestreichelt«. Einen Jungen ausgerechnet, der sich Hilfe suchend an ihn wandte, nachdem er von zwei anderen Priestern missbraucht worden war. Er sei »wahrhaftig und tief traurig« über den »Schmerz und die Konfusion«, die er verursacht habe, sagte Bischof O‘Connell auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Er bat auch sein Opfer, einen heute 40-Jährigen - spät, sehr spät -‚ um Vergebung für die »fehlgegangene Hilfe«. O‘Connell hatte seit November 1998 das Bistum Palm Beach geleitet. Schon sein Vorgänger, Bischof Joseph Keith Simons, musste, so die FAZ, »wegen sexueller Verfehlungen aus dem Amt scheiden«.
Die Vorgänge in dem Miniatur-Bistum Palm Beach, das knapp 240 000 Katholiken und 48 Priester zählt, sind nur die Spitze eines Skandals, der albtraumhafte Züge annimmt. Seit Anfang 2002 sind über 50 Priester in den USA aus ihren Ämtern entfernt worden. Täglich kommen neue Untaten ans Licht. Ehemalige Messdiener, von Priestern vergewaltigt, melden sich zu Wort. Kinder, die der Obhut der Kirche anvertraut und von Geistlichen zu Oralverkehr und pornografischen Handlungen vor laufender Kamera gezwungen worden waren, brechen ihr oft Jahrzehnte langes Schweigen.
Die Kläger finden in der Correctness-Kultur öffentlich Gehör. Ihre Motive sind vielfältig: Erleichterung, reden zu können; Hoffnung, weiteres Unheil zu verhindern; Rache. Auch Schwindelei ist nicht ausgeschlossen. So zahlreich sind die Fälle, so viele Geistliche sind darin verwickelt, dass es schwer fällt, nur mehr an Ausnahmen und Einzelfälle zu glauben. Es scheint, als verberge sich im Klerus ein Stauraum unterdrückter Gefühle, als herrsche dort ein Klima der Verklemmung, in dem sich Gewalt, Lust und Lüge auf bizarre, tragische Weise mit der Arkandisziplin und routinierten Geheimniskrämerei einer uralten Kirchenbürokratie verbinden.
Losgetreten wurde die Lawine im Januar im erzkatholischen Boston, der Heimat des Kennedy-Clans. Pfarrer John Geoghan wurde angeklagt, seit 1970 über 130 Kinder missbraucht zu haben. Während des Prozesses stellten die Anwälte sowie Reporter des Boston Globe entsetzt fest, dass Leute um Kardinal Bernard Law schon Jahre vor der Anklage über die Untaten infomiiert waren. Statt den offenbar kranken Geistlichen aus der Pfarrei-Arbeit zu entfernen oder ihm zumindest therapeutische Hilfe zu gewähren, suchte die Bistumsspitze die Verbrechen zu vertuschen. Das Erzbistum zahlte den betroffenen Familien teils hohe Schweigegelder und versetzte Geoghan, wann immer sich der Mann erneut an Buben vergangen hatte, von einer Gemeinde in die nächste - ohne Vorwarnung der Gläubigen dort. Die recherchierenden Journalisten berichten, das Erzbistum Boston habe vielerlei Hebel in Bewegung gesetzt, um die Veröffentlichung der Fakten zu verhindern. So habe es Drohungen gegen den Verlag sowie Druck auf Anzeigenkunden der Zeitung Boston Globe gegeben.
Bischöfe als kriminelle Vertuscher: Mitte März musste der Altbischof von Santa Rosa, Kalifornien, Georg Patrick Ziemann, einräumen, dass er drei Jahre lang von den Vorwürfen gegen einen Priester gewusst habe, der mindestens sechs Mädchen missbraucht haben soll, ehe er ihn vom Dienst suspendierte.
Verheerende Vertrauenskrise: Was wird aus einer »Herde«, wenn sich ein Teil der »Hirten« an den Schwächsten unter den Schutzbefohlenen vergeht? Und wein diese Untaten von Oberhirten gedeckt werden? Häufig wurden Kinder der aktivsten Christen zu Opfern. Jungen und Mädchen aus Familien, die tief religiös lebten und jeden Besuch des Priesters als eine Ehre betrachteten. Der Papst verurteilt nun den »bedrohlichen Skandal«, der einen »dunklen Schatten« über alle Geistlichen werfe. Unter den unbescholtenen Priestern herrscht Unsicherheit. Viele zögern jetzt, Kindern beim Segnen die Hand auf den Kopf zu legen. Wie kann eine klerikale Oberkirche, die wiederverheirateten Geschiedenen bis heute die Eucharistie verweigert, den Leib des Herrn von überführten Kinderschändern austeilen lassen? So fragen empört viele Katholiken. Was wusste Rom, als Papst Johannes Paul II. in den 90er Jahren die Bischöfe von Palm Springs ins Amt hob? Kardinal Law fragt in der Kirchenzeitung von Boston: Wie lange kann die Kirche es sich leisten, am Zölibat festzuhalten? Der attackierte Kardinal Law verkneift sich eine Antwort. Doch er stellt den römischen Traditionsbestand der nur für die West-Kirche gilt, in Frage.
(Publik-Forum 10.05.2002)

Überraschungen im irischen Paralleluniversum

Kindesmissbrauch durch Priester führt zu Debatte über das Verhältnis Kirche - Staat
LONDON, 28. April. Vom Sprengel des Pfarrers Hegarty heißt es, er sei so weit weg von allem, dass man aufpassen müsse, um nicht nicht in den Atlantik zu fallen. Doch in der Pfarrei an der nordwestlichen Ecke der irischen Insel hat sich jüngst eine Tragö­die vollendet, die das ganze Land erschüt­terte. In Belmullet auf der Halbinsel Erris hat Hegarty die Trauermesse gelesen für einen von zwei jungen Polizisten, die bei der Verfolgung eines gestohlenen Autos in Dublin umgekommen waren. Zur Beerdigung des anderen Opfers in der Hauptstadt war sogar die Staatspräsidentin gekommen. Selten hat die irische Öffentlichkeit sich über einen Vorfall so erregt. Denn allmählich wird immer deutlicher, dass die sprunghafte wirtschaftliche Entwicklung des „keltischen Tigers“ auch eine Schattenseite hat:
wachsende Kriminalität. Fast 70 Prozent der irischen Bevölkerung sehen die Zunahme der Gewalttaten als das schlimmste Zeichen der Zeit. Auch andere irische Schatten werden länger, und wieder tritt die Gestalt des Landpfarrers am Meer unversehens in den Vordergrund. Denn es war seinerzeit der Dubliner Kaplan Kevin Hegarty, der die irischen Bischöfe wegen sexueller Verfehlungen von Geistlichen zur Rede gestellt hatte. Ausgerechnet die kirchliche Hauspostille„Intercom“, deren Redaktion Hegarty damals versah, hatte im Dezember 1993 zwanzig anklagende Fragen an die Bischöfe veröffentlicht. Seit 1994 ist Hegarty deshalb nicht mehr in der Hauptstadt tätig, sondern in einer ländlichen Pfarrei, die so weit von Dublin entfernt ist, dass es weiter gar nicht geht. Doch noch im Jahr seiner Versetzung war der erste Fall eines pädophilen Priesters vor Gericht gekommen. Seither sind 37 irische Geistliche wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern rechtskräftig verurteilt worden, mindestens hundert haben medizinisch-psychiatrische Behandlung gesucht. Das sind nur die offiziell bekannten Zahlen. Der Alarm ist mittlerweile derart schrill, dass die irischen Bischöfe sich wahr­scheinlich fragen, ob auch sie nicht bald zum Papst bestellt werden wie die amerikanischen Amtsbrüder.
Einer hat die Bußreise nach Rom schon unternommen: Brendan Comiskey, der Anfang des Monats als Bischof der Diözese Ferns zurückgetreten ist. Eine BBC-Fernsehsendung hatte den Fall eines Geistlichen seiner Diözese beleuchtet, der des Kindesmissbrauchs in 29 Fällen beschuldigt worden war und 1999 Selbstmord begangen hat. Schon damals war es ein offenes Geheimnis, dass Comiskey fünfzehn Jahre lang von den Umtrieben des Pfarrers Fortune gewußt hatte. Comiskeys Rücktritt hat Wirkungen entfaltet, die weit über den Fall hinausreichen. Die Blicke richten sich nun von Ferns nach Dublin auf den Kardinal Desmond Connell, den Oberhirten des Erzbistums, zu dessen Provinz Comiskeys Diözese gehört. Da ist nicht nur die Frage der Aufsichtspflicht; Connell hat auch zugegeben, dass er Unterlagen über Anschuldigungen gegen Priester habe, die bis in die sechziger Jahre zurückgehen. Inzwischen streitet niemand mehr ab, dass die katholische Hierarchie sich allzu lange nur bemüht hat, solche Anschuldigungen zu vertuschen.
Brendan Comiskey ist schon immer nicht so gewesen, wie man sich einen irischen Bischof vorstellt. Als er 1980 Weihbischof von Dublin wurde, war das noch als Kompliment gedacht. Quellen aus dieser Zeit rühmen sein Talent für öffentliche Auftritte. Er galt als der nächste Erzbischof - mindestens. Die Versetzung nach Ferns 1984 muss ihn verändert haben. Vielleicht lag das daran, dass jenes Naturell, das ihm in Dublin so zustatten gekommen war, in der Provinz plötzlich zum Nachteil wurde. Ein Alkoholproblem stellte sich ein, außerdem wurde er aufsässig. 1995 verkündete er, die Kirche solle den Zölibat aufheben, und wurde deshalb nach Rom zitiert. Das hat ihn so aus den Gleisen geworfen, dass er sich zu einem dreimonatigen Studienaufenthalt in die Vereinigten Staaten verabschiedete, der in Wahrheit aber der Behandlung seines Alkoholproblems gewidmet war. Kurz zuvor hatte man den Bischof einmal als hilflose Person auf dem Flughafen von Bangkok aufgegriffen. Seit der Rückkehr in seine Diözese 1996 war er nicht nur Vorwürfen im Zusammenhang mit pädophilen Geistlichen seines Amtsbereichs ausgesetzt, sondern auch forschenden Fragen über seinen Umgang mit den Finanzen der Diözese.
Die Öffentlichkeit hat nach Comiskeys Rücktritt die Quittung ausgestellt. Bei einer Umfrage gaben 58 Prozent an, ihr Vertrauen in die katholische Kirche sei heute geringer als vor fünf Jahren, und 64 Prozent wünschten den Rücktritt des Kardinals Connell. Auch in diesem Fall gehen die Wirkungen weit über den Anlass hinaus: 83 Prozent der Befragten sprachen sich auch noch dafür aus, den Zölibat abzuschaffen. Ebenso groß war der Anteil, der sich für die Ordination von Frauen aussprach. Die dritte Stufe der Reaktion schließlich lässt ahnen, dass dieses Beben die Grundfesten der irischen Ordnung erreicht: 88 Prozent gaben an, „der Staat“ habe nicht genug getan, um die Vorfälle in „der Kirche“ aufzuklären. Das heißt, dass auf einmal sogar das Verhältnis zwischen weltlicher und geistlicher Obrigkeit zur Debatte steht. Die Umfrage ist allerdings nur in Dublin gehalten worden, nicht im ganzen Land.
Einheimische Kenner beschreiben das einzigartige irische Verhältnis zwischen Kirche und Staat als „ein Nebeneinander zweier paralleler Universen“. Die Geistlichen sehen die Bischöfe als ihre naturgegebene Obrigkeit, diese wiederum blicken zuerst nach Rom, nicht nach Dublin. Auch deshalb habe die Hierarchie instinktiv versucht, Vorfälle nach Möglichkeit im Rahmen der geistlichen Instanzen zu behandeln und sie nicht der öffentlichen Sozialverwaltung anheimzugeben oder gar der Polizei. Doch das ist nur möglich, wenn beide Seiten mitwirken. Das heißt, der Vorwurf der Vertuschung richtet sich gar nicht mehr nur gegen die Bischöfe, sondern auch gegen die Behörden und Parteien. Die Schicksale der geschundenen Kinder werden ein Thema für die Politik. Die irischen Bischöfe wollen im Juni eine Untersuchungskommission einsetzen. Diese Kommission soll nicht nur die bekannten oder ruchbaren Fälle aufarbeiten, sondern in allen 26 Diözesen von Grund auf Nachforschungen anstellen. Noch unerhörter ist eine zweite Nachricht aus dem „parallelen Universum“: Die Ergebnisse sollen sogar veröffentlicht werden.
Vielleicht gilt das sogar für den Fall des Pfarrers Jim Grennan aus Monageer in der Grafschaft Wexford. Beim Erstkommunion-Unterricht in der Kirche hatte er sich 1988 an zehn Mädchen vergangen; er hatte jedes Opfer einzeln aus den Bankreihen an den Altar gerufen und den anderen befohlen, die Augen zu schließen und den Kopf zu senken. Die Mädchen erzählten das den Eltern, sieben der zehn Eltern informierten die Gesundheitsbehörde. Diese untersuchte die Anschuldigungen und erstattete Anzeige bei der Polizei. Außerdem schrieb die Behörde an den Bischof. Es war Bischof Comiskey, aber das kann schon fast als beliebig gelten. Der Brief wurde im August 1988 abgeschickt. Comiskey bestätigte im März 1989 den Eingang des Schreibens. Dabei blieb es. Auch die Polizei unternahm nichts. Die Staatsanwaltschaft erfuhr erst gar nichts von dem Vorfall, jedenfalls nicht amtlich.
(FAZ 29.04.2002)

Die späte Entschuldigung des Kardinals

Missbrauchsskandal in USA
NEW YORK, 21. April. Der New Yorker Kardinal Edward Egan hat sich für persönliche Fehler im Umgang mit Fällen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester seiner Erzdiözese entschuldigt. Wenn sich herausstelle, dass im Umgang mit dem Problem Fehler gemacht worden seien, so tue ihm dies "sehr Leid", schrieb Egan in einem Hirtenbrief, der an diesem Wochenende in allen Kirchen seines Bistums verlesen wurde.
Kardinal Egan und anderen US-Bischöfen wird vorgeworfen, zu nachlässig mit Priestern umgegangen zu sein, die Kinder sexuell missbraucht haben. In der Regel wurden die Pfarrer nach Bekannt werden der Missbrauchsfälle einfach nur in eine andere Gemeinde versetzt.
Debatte über Zölibat
Die katholische Kirche in den USA wird derzeit von einer Enthüllungswelle über sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Priester erschüttert. Viele Priester wurden suspendiert und außergerichtliche Entschädigungen in Millionenhöhe an die Opfer gezahlt. Der Bischof von Palm Beach musste zurücktreten, nachdem er sexuellen Missbrauch eingeräumt hatte.
Wegen des Skandals bestellte der Vatikan für diesen Dienstag 13 hohe US-Geistliche zu einem Treffen nach Rom ein. Im Vorfeld des Treffens wurden aus der amerikanischen Kirche auch Reformüberlegungen laut. Der Erzbischof von Los Angeles, Kardinal Roger Mahony, sagte, er wolle in Rom auch über den Zölibat sowie die Forderung nach dem Frauenpriestertum diskutieren. Das sei kein "Allheilmittel", aber es müsse darüber gesprochen werden, so Mahony. (KNA)
(Berliner Zeitung 22.04.2002)

Ich bin froh, dass mein Sohn nie Ministrant war

Sexskandal erschüttert Katholiken in USA - Müssen für Entschädigungszahlungen Kirchen verkauft werden?
WASHINGTON. Die Kirchenzeitung “The Pilot“ in Boston erscheint norma­lerweise in einer Auflage von 5000 Exemplaren. Doch in diesen Tagen kamen die Drucker kaum nach. Über 100000 Exemplare mussten gedruckt werden, um den Bedarf zu decken. Der Grund für das gewaltige Interesse war ein Kommentar, der an den Grundfesten der katholischen Kirche rüttelt: Er stellte den Zölibat in Frage und brachte die priesterliche Verpflichtung zur Ehelosigkeit sogar mit den ausufernden Sexskandalen in den USA in Verbindung.
Der "Pilot" griff damit ein Thema auf, das die Katholiken überall in den USA seit Monaten verunsichert. Seit die Zeitung "Boston Globe" Anfang Januar die ersten Anschuldigungen gegen den Priester John Geoghan erhob, scheint sich der Skandal mit jedem Tag neu auszuweiten. Inzwischen wurde Geoghan, dem sexuelle Belästigung von 130 Jungen vorgeworfen wurde, zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt. Doch dies war nur der Anfang. Seit Januar mussten mindestens 55 Priester in 17 Diözesen ihre Kanzel räumen. Auch ein Bischof musste gehen, und Bostons Kardinal Bernard Law kämpft ebenfalls um seinen Ruf. Ihm und vielen anderen Kirchenoberen wird vorgeworfen, von den sexuellen Belästigungen und Missbrauchshandlungen gewusst, aber nicht entschlossen genug gegen die Täter vorgegangen zu sein. So wurde Geoghan, gegen den bereits seit den 80er Jahren Vorwürfe erhoben wurden, einfach immer wieder von Gemeinde zu Gemeinde versetzt. Erst kürzlich entschloss sich Law zur vollen Kooperation mit den Behörden und gab ihnen die Namen von 80 Priestern, gegen die in den vergangenen Jahrzehnten Vorwürfe erhoben wurden. Inzwischen bringen die Entschädigungszahlungen die katholische Kirche in massive finanzielle Bedrängnis. Die Diözese Boston willigte bereits ein, an 90 Kläger, die nach eigenen Angaben von Priester Geoghan missbraucht wurden, bis 30 Millionen Dollar Dollar zu zahlen. Experten schätzen, dass sich die endgültigen Zahlungen auf über 100 Millionen Dollar belaufen könnten.
Um die Millionenbeträge zu zahlen, wird in Boston bereits der Verkauf von mehreren Kirchen erwogen. Erschwerend für die katholische Kirche kommt hinzu, dass viele ihrer großzügigen Spender angesichts der Skandale nun nicht mehr bereit sind, den Geldbeutel zu öffnen. Härter aber noch trifft die katholische Kirche in den USA der Vertrauensverlust. Zum einen büßt sie die moralische Autorität ein, sich zu politischen oder sozialen Konflikten zu äußern. Zum anderen lassen die Skandale immer gläubige Katholiken an ihrer Kirche zweifeln und bringen sie auch noch in einen Gewissenskonflikt. So meinte etwa Peggy Mora1es in der "New York Times", sie überlege, ob sie ihre Kinder weiter in die Sonntagsschule schicken solle."Ich habe immer gesagt, dass der Kirchenbesuch meine Kinder auf den richtigen Weg bringt. Nun bin ich nur froh. dass mein Sohn nie Ministrant war." Aber nicht nur die Gläubigen sondern auch ihre Seelsorger sind verunsichert. Priester Bartholomew Leon aus New Hampshire wird in der "Washington Post" mit den Worten zitiert: "Ich liebe Kinder, sie kommen immer und umarmen mich, aber jetzt achte ich darauf, dass ich nie mit einem Kind allein im Zimmer bin. " Viele Priester fürchten auch, dass die Skandale dazu beitragen, dass sich immer weniger junge Menschen weihen lassen. Bereits jetzt kämpft die katholische Kirche gegen einen dramatischen Nachwuchsschwund. Hatte es in den 60er Jahren noch knapp 59000 Priester gegeben, sind es jetzt nur noch 45000.
(Main Echo 20.03.2002)

Die neue Bußfertigkeit

Sex-Skandale um Geistliche zwingen die katholische Kirche zur Offensive

BERLIN, 27. Februar. Der Fall des polnischen Bischofs Julius Paetz, der wegen sexueller Übergriffe auf Kleriker suspendiert wurde, steht in der katholischen Kirche keineswegs isoliert da. Wie die neue Ausgabe des amerikanischen Magazins "Newsweek" schildert, kämpfen zahlreiche US-Diözesen mit vergleichbaren Problem. Gemeinsam ist allen Fällen, dass die Aufklärung der Sexualdelikte erst durch massiven Druck der Öffentlichkeit in Gang kam.
Wenn sich der Erzbischof von Philadelphia, Anthony Bevilacqua an diesem Donnerstag in seiner Kirchenzeitung offiziell für die Übergriffe von Priestern seiner Diözese auf Kinder entschuldigt, so bricht er damit eine unrühmliche Tradition. Jahrzehntelang hatte die amerikanische Kirchenführung versucht, Missbrauchs-Prozesse gegen Geistliche mit Abschlagszahlungen an die Opfer zu verhindern und das Problem selbst durch Versetzung der Täter zu bekämpfen. Die Verurteilung des 66-jährigen Priesters John Geoghan, der im Lauf seiner Karriere über 130 Jungen sexuell missbraucht haben soll, machte dieser Strategie spät aber doch ein Ende. Geoghan muss zehn Jahre lang ins Gefängnis, 80 weitere Fälle von sexuellem Missbrauch durch Priester warten allein in der Diözese Boston auf Klärung.
Rund 300 Millionen Dollar soll die Kirche in den letzten zwanzig Jahren an Opfer gezahlt haben, gab ein Berater der US-Bischofskonferenz zu. Vertreter von Opferverbänden sprechen gar von 800 000 Dollar. Der Kirchenrechtsexperte Pater Thomas Doyle schätzt, dass die Kirche in den USA in den nächsten zehn Jahren bis zu einer Milliarde Dollar an Entschädigungszahlungen werde aufbringen müssen.
Die polnische Kirche ist von solchen Szenarien noch weit entfernt. Nicht, weil es an Anlassfällen mangelte, sondern weil Kirchenführung und Betroffene den Umgang mit dem Problem erst lernen müssen. Bischof Paetz vor Gericht zu belangen, wagte bisher kein Opfer. So konnte der Vatikan mit seiner Untersuchungskommission im Herbst 2001 den weltlichen Gerichten zuvorkommen. Die römischen Emissäre fanden die Vorwürfe gegen Paetz bestätigt. Der polnische Primas Joszef Glemp reagierte dennoch wie gewohnt - mit Angriffen auf die Presse. Die Zeitung "Rzeczpospolita", die den Fall publik gemacht hatte, habe "dem Thema Sünde etwa im Fall von Milosevic oder den Taliban niemals so viel Raum gegeben wie jetzt im Fall des Erzbischofs", sagte Glemp. Seine Äußerungen bestätigen den Verdacht von "Newsweek", die Kirche verwechsle leicht "Sünde" mit "Verbrechen". Statt zu strafen, bete man für den Sünder. Glemp sagte, man dürfe niemanden vorverurteilen, auch unter den Aposteln habe es Sünden gegeben.
Im Vatikan hat man den Ernst der Lage inzwischen erkannt. Im Stillen und lateinisch kryptografiert publizierte der Heilige Stuhl im Herbst 2001 verschärfte Regeln für den Umgang mit Sexualvergehen Geistlicher. Fälle dieser Art dürfen nun nicht mehr in der Diözese geregelt werden. Nach der Voruntersuchung gehen die Akten nach Rom. Die Verjährungsfrist wurde von fünf auf zehn Jahre angehoben. Vergeht sich ein Priester an einem Minderjährigen, beginnt die Frist erst ab dessen 18. Geburtstag zu laufen. Bisher endete die Minderjährigkeit schon mit 16 Jahren.
Am besten illustriert der Fall Groer, wie sich die Strategie der Kirche gewandelt hat. Als gegen den Wiener Erzbischof Kardinal Hanshermann Groer 1995 ähnliche Vorwürfe laut wurden, versuchte die Kirche noch zu vertuschen. Angriffe auf die Medien ersetzten die Auseinandersetzung mit dem Fall selbst. Die Antwort war das so genannte "Kirchenvolks-Begehren" zur Reform der Kirche und Abschaffung des Zölibats: Eine halbe Million Menschen unterschrieben.
"Jeder Fall von Missbrauch durch einen Priester ist eine abscheuliche Beleidigung der Menschenwürde. " Kardinal Anthony Bevilacqu.
(Berliner Zeitung 28.02.2002)

FBI zerschlägt Kinderporno-Ring

Die Fahndungsmethoden der Behörden werden offensiver: In den 5taaten gingen dem FBI in Chaträumen mindestens 50 Verdächtige ins Netz. Pikant: Es war eine Falle - die Chaträume hatte das FBI selbst eröffnet. Die amerikanische Bundespolizei FBI hat einen Kinderporno-Ring im Internet zerschlagen und will in den kommenden Tagen mindestens 50 Verdächtige festnehmen. Wie die Behörde am Montag in Washington mitteilte, sind darunter mehrere Priester, mindestens ein Polizist und ein Schulbusfahrer. Insgesamt stehen 86 Menschen aus 26 US-Staaten unter Tatverdacht. Das FBI kam den Verdächtigen durch eine Kooperation mit dem Internetdienst Yahoo auf die Spur, bei dem die Polizei unter anderem unter dem Decknamen “Operation Candyman“ drei Diskussionsforen einrichtete. Rund 7.000 Internet-Nutzer beteiligten sich daran. 1.400 davon konnte die Polizei in den USA aufspüren. US-Justizminister John Ashcroft sagte, die Behörden würden künftig noch härter gegen Kinderpornografie im Internet vorgehen.
(Spielgel Online 19.3.2002)

Der Erzbischof und die jungen Kapläne

Ein Skandal erschüttert Polen: Es wurde bekannt, dass der Posener Erzbischof Paetz seit Jahren junge Kleriker seiner Diözese sexuell belästigt. Der Direktor des neben dem erzbischöflichen Palast gelegenen Priesterseminars erteilte seinem Vorgesetzten deshalb Hausverbot (Stuttg. Zt., 25.2.02). Den Stein ins Rollen brachte Ende September 2001 ein Bericht in der Zeitung Fakty i mity, die Berichte von vier jungen Klerikern abdruckte. Sie alle wurden vom Erzbischof in seinen Palast eingeladen und betatscht, bei einer Flasche Wein wurde ihnen ein Studienaufenthalt in Rom versprochen (wenn sie sich „entsprechend anstrengen“) oder gar eine Reise als „persönlicher Assistent“ des Erzbischofs, der in einem Fall sogar seine roten Unterhosen präsentiert haben soll. Alle vier Augenzeugen verweigerten sich den Avancen, wenn auch unter großen Schwierigkeiten, denn: „Vom Erzbischof hängt meine ganze Zukunft ab, mein Leben“. Er kann Karrieren fördern oder zum Scheitern bringen. Es gilt aber als sicher, dass der viertwichtigste polnische Kirchenvertreter bei andern jungen Männern mehr „Erfolg“ hatte. Fakty i mity beschwor seinerzeit den Papst, dem Treiben ein Ende zu machen, nachdem alle anderen Versuche erfolglos geblieben seien. Ein Seminarleiter, dem die verwirrten Kleriker sich anvertraut hatten, hatte sie aufgefordert, zu beten — und zu schweigen. Ein katholischer Journalist war nach Afrika strafversetzt worden, weil er die Aufklärung der Vorwürfe verlangte. Doch im November befasste sich eine vatikanische Untersuchungskommission mit dem Fall. Die liberale Zeitung Rzeczpospohta brachte den Skandal schließlich im Februar 2002 an die breite Öffentlichkeit. Mehrere Kleriker haben aus Protest gegen den Erzbischof ihren Beruf aufgegeben.
Doch nun muss der Erzbischof sein Amt an den Nagel hängen: Er hat seinen Rücktritt erklärt. Allerdings, ohne irgend etwas von den ihm zur Last gelegten Taten zuzugeben. Er will sein Lebensende „In Schatten des Doms“ verbringen. Die Kirche hat offenbar gemerkt, dass die vielen Vergehen von Priestern einen noch viel größeren Schatten auf sie werfen als jeder Dom.
Und inzwischen ist bereits der nächste Skandal im Anrollen: Die polnische Staatsanwaltschaft hat einen 44 Jahre alten Priester angeklagt, nach einem Trinkgelage einen 60jäbrigen Mann vergewaltigt zu haben. Dem Priester drohen bis zu zehn Jahre Haft (Berl. Tagessp., 28.2.02).

Schweigegeld für Missbrauchte

Ein Skandal erschüttert die katholische Kirche der USA. Es kommen immer weitere Fälle ans Tageslicht, in denen Priester Kinder missbrauchten — und anschließend im Amt blieben. Allein die Diözese Boston zahlte in den vergangenen zehn Jahren zehn Millionen Dollar an Schweigegeldern an die Familien missbrauchter Kinder. Verfahren gegen 70 Priester konnten auf diese Weise außergerichtlich geregelt werden. Doch unter öffentlichem Druck musste Kardinal Law jetzt doch eine Liste mit 90 Priestern herausgeben, die weiter im Amt geblieben oder höchstens versetzt worden waren. Acht Priester wurden endlich suspendiert. Ins Rollen gekommen war der Skandal durch den Fall des inzwischen ebenfalls suspendierten Priesters John Geoghan, der beschuldigt wird, sich an Dutzenden von Kindern vergangen zu haben und der bereits zu einer Gefängnisstrafe von neun Jahren verurteilt wurde. Auch in New Hampshire, Massachussetts und Kalifornien wurden weitere Fälle von Priestern bekannt, die trotz Missbrauchs von Kindern seit Jahren im Amt geblieben waren (WÄZ, 20.2.02). Inzwischen musste sogar ein Bischof, Anthony O‘Connel aus Florida, wegen des Missbrauchs eines l3jahrigen Jungen von seinem Amt zurücktreten.

Kindesmißbrauch:

Bostoner Kirche soll Priester gedeckt haben
In Boston soll ein Priester über Jahre hinweg Kinder nissbraucht haben. Die Kirchenleitung hat angeblich davon gewusst.
Zwei Jahrzente lang war Reverent Paul Shanley in Boston ein angesehener Priester. Er machte sich vor allem einen Namen als Straßen-Prediger, gründete ein Zentrum für obdachlose und drogensüchtige Jugendliche. Jetzt werden Vorwürfe laut, dass Shanley über Jahre Minderjährige sexuell missbraucht hat und sein Verhalten auch noch öffentlich rechtfertigte. Die Katholische Kirche soll von den Taten Shanleys gewusst haben und ihm trotzdem weiterhin Kinder anvertraut haben. Die Familie eines missbrauchten Jungen hat deshalb jetzt vor einem Gericht Klage eingereicht.
Die Anklageschrift wirft vor allem dem Bostoner Kardinal Bernard Law vor, Paul Shanley weiter als Pastor an seiner Kirche belassen zu haben, obwohl er von der Veranlagung des Priesters wusste. Beschwerden von Eltern über das Verhalten des Geistlichen hätte die Kirchenführung einfach ignoriert, so die Klageschrift. Dem Gericht wurde von den Anwälten der Familie auch eine Zeitungsbericht aus Jahr 1979 vorgelegt, in dem ein Vortrag Shardeys auf einer Konferenz dokumentiert ist. Der Priester rechtfertigte in dem Vortrag die Beziehung eines erwachsenen Mannes zu einem minderjährigen Jungen unter bestimmten Umständen. In der letzten Zeit waren mehrere Fälle von Kindesmissbrauch durch katholische Priester in den USA bekannt geworden. Zum Teil sollen die Priester sich über Jahre hinweg an Schützlingen vergangen haben. Auch der Kardinal von New York, Edward Egan, soll Priester gedeckt haben, die von Eltern des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wurden.
(Netzeitung 09.04.2002)

Weitere Priester unter Verdacht

PADERBORN ap
Der Kirchenskandal um sexuelle Misshandlung von Kindern weitet sich auch in Deutschland immer mehr aus. Gestern wurde bekannt, dass gegen zwei Priester aus dem Erzbistum Paderborn ermittelt wird. Zugleich wurde ein Pfarrer des Bistums Regensburg wegen Verdachts auf Kindesmissbrauch von der Seelsorge entbunden. Oberstaatsanwalt Heiko Oltmanns erklärte, gegen einen 38-jährigen Priester aus Holzwickede sei am 14. März Anklage erhoben worden. Schon früher sei ein Hauptverfahren gegen ihn wegen mehrerer Missbrauchsfälle angesichts mangelhafter Beweislage nicht zugelassen worden, nun gebe es neue Beweismittel. Das Gericht habe noch nicht über die Zulassung des Hauptverfahrens entschieden. Das Generalvikariat in Paderborn bestätigte ohne Angaben näherer Details, dass gegen einen weiteren Geistlichen aus dem Erzbistum ein Verdacht besteht. Beide Männer seien inzwischen nicht mehr im Dienst.
(taz Nr. 6804 vom 19.7.2002)


Beichttermin beim Staatsanwalt

Die Taten pädophiler Priester: Weil Bischöfe vertuschten, gerät die Katholische Kirche jetzt auch in Großbritannien immer mehr in Bedrängnis
Von Stefan Klein
London, 11. Dezember - Das Opfer kann nicht vergessen. Es ist alles schon Jahre her, aber das Opfer, nennen wir es Jack, hat alles gespeichert, als wäre es gestern gewesen. Jack war ein hilfloser Teenager, behindert, an einen Rollstuhl gefesselt, gerade mal 13 Jahre alt, der Priester Michael Hill eine Respektsperson. Der wusste, wie man das Vertrauen eines Jungen gewinnt, er hatte ja schon große Erfahrung auf dem Gebiet, und als Hill es dann systematisch zu missbrauchen begann und Jack sich immer mehr ängstigte, da sagte er: „Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung." Und der Junge glaubte ihm sogar, der andere war schließlich Priester. Erst nach Jahren wagte er, sich zu wehren. Da reagierte der Peiniger mit Gewalt. Bis dahin hatte er sich auf Berührungen beschränkt, nun vergewaltigte er den Jungen.
Der Fall des pädophilen Priesters Michael Hill hat Schlagzeilen gemacht in Großbritannien - weil er ein besonders krasses Beispiel ist für den Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche, aber auch, weil er beispielhaft deutlich macht, dass es die bischöfliche Praxis des Schweigens und Vertuschens ist, die Kindsverderbern dieses Kalibers ihre Raubzüge erst ermöglicht. Als Hill dem Jungen Jack das Leben zur Hölle machte, wusste sein Bischof Cormac Murphy-O'Connor längst Bescheid über ihn. Seit den siebziger Jahren hatte es immer wieder Klagen und Beschwerden gegeben, Folgen für Hill hatten sie keine Erst Mitte der achtziger Jahre schickte der Bischof den kranken Mann zum Therapeuten. Genützt hat die Behandlung nichts. Der Priester, so zwei Gutachten, stelle immer noch „ein großes Risiko" für Kinder dar und sei allenfalls geeignet für ein Kaplansamt in einem Betrieb.
So kam es, dass sich der Priester Hill auf Geheiß seines Bischofs Murphy-O'Connor im Flughafen Gatwick wiederfand, von dem man ja weiß, dass es dort keine Kinder gibt - oder vielleicht doch? Hill hat auch in Gatwick Kinder und Jugendliche missbraucht, vorwiegend behinderte - wie zum Beispiel jenen Jungen, der auf dem Weg nach Lourdes war und sich im Flughafen verlaufen hatte. Auch der Fall Jack fallt in diese Zeit. 1997 war Schluss. Da wurde Hill für Unzucht mit sechs minderjährigen Jungen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Damit war er freilich noch gut bedient. Es wird geschätzt, dass sich die Zahl seiner Opfer zu dem Zeitpunkt bereits auf über 30 belief. Nur dreieinhalb Jahre musste er absitzen, aber im November wurde Hill ins Gefängnis zurückgeschickt - nachdem ihm Missbrauch von drei weiteren Jungen nachgewiesen wurde.
Und der Bischof, der das alles hätte verhindern können? Der ist heute Kardinal und oberster Hirte der 4,1 Millionen Katholiken in England und Wales, aber im Moment wird er seines hohen Amtes nicht so recht froh. Die Vergangenheit nämlich hat ihn eingeholt, das überaus langmütige Verhalten gegenüber dem Pädophilen Hill ist Gegenstand einer polizeilichen Untersuchung, und die wird demnächst womöglich sogar noch ausgeweitet, denn der Verdacht steht im Raum, dass Murphy-O'Connor auch bei zwölf anderen pädophilen Priestern die Augen verschlossen und nicht eingegriffen hat. Rücktrittsforderungen sind laut geworden, und auch wenn der Kardinal die bislang zurückgewiesen hat, so wird er doch wissen, dass es allmählich eng wird für ihn.
Gerade wird Murphy-O'Connors amerikanischer Amtsbruder, der Bostoner Kardinal Bernard Francis Law, wegen der Pädophilie-Skandale in seiner Diözese vom Vatikan einvernommen, und es wäre keine Überraschung, wenn der Besuch des 71-Jährigen in Rom mit seinem Rücktritt enden würde. Dass die Geduld des Heiligen Stuhls mit Geistlichen seines Schlags nicht endlos ist, hat sich
auch schon in Großbritannien erwiesen. Da hat der Erzbischof von Cardiff, John Ward, abtreten müssen, nachdem er dem Treiben zweier Priester zu lange zugesehen hatte. Außerdem gab es auch Gerüchte über ihn persönlich. Ähnlich in Birmingham, wo es den Erzbischof Couve de Murville getroffen hat. der nichts tat gegen die Kinderschänder-Priester Eric Taylor und Sam Penny. Für die Versäumnisse des 73-jahrigen Ruheständlers interessiert sich jetzt auch die Polizei,
Im Zentrum der derzeitigen Aufregungen aber steht Kardinal Murphy-O'Connor, der vieles noch schlimmer gemacht hat durch sein selbstgerecht wirkendes Verhalten in der Affäre. Zum Beispiel durch den unseligen Hirtenbrief, in dem er zwar sein Bedauern ausgedrückt hat über eine „fehlerhafte Entscheidung in der Vergangenheit" (womit wohl die Besetzung des Kaplansamts in Gatwick mit Hill gemeint war), ansonsten aber den Eindruck erweckt hat. als sei die Medienkritik an der Katholischen Kirche das eigentliche Problem. Margaret Kennedy jedenfalls war geschockt, als der Brief an jenem Sonntag im November in ihrer Kirche verlesen wurde. Die Gründerin einer Hilfsgruppe für die Opfer sexuellen Missbrauchs durch Geistliche konnte es nicht fassen, als der Satz fiel „Lasst uns unsere Herzen nicht beschweren". Voller Wut dachte sie nach eigener Auskunft: „Und was ist mit den Herzen der Opfer?"
Der Kardinal hatte es tatsächlich fertig gebracht, kein einziges Wort über die vielen Opfer zu verlieren, kein Wort der Reue, kein Wort des Mitgefühls. Stattdessen nur Selbstmitleid. „Du hast doch keine Ahnung, was Schmerz wirklich ist", dachte Frau Kennedy, „du hast überhaupt keine Vorstellung von den Tiefen des Horrors." Sie hielt es kaum aus auf ihrem Platz, und als die Messe vorüber war, da stand für sie fest: „Dieser Mann hat nicht das Zeug, unsere Kirche zu führen." Inzwischen scheint dem Mann gedämmert zu sein, dass sich ein etwas anderer Ton empfiehlt, Nun redet er über den „Schmerz und die Wut der Opfer" und nennt den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester „besonders schändlich". Aber geht damit auch eine neue Haltung der Kirche einher?
(Süddeutsche, 12.12.2002)



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