Info

Auf dieser Seite erscheint so regelmäßig kurioses aus den Amtskirchen, wie das “Amen” in der Kirche fällt.

Inhalt

Vikar soll Kinderpornos verbreitet haben
Missbrauch im Namen des Herrn
Das "hässliche Gesicht" der katholischen Kirche: Kein Ende der Missbrauchsskandale
Kritik am Papst "Neidisch bin ich nur auf seine roten Schuhe" Bischöfin Margot Käßmann im Interview
Benedikt XVI in Österreich
Vorbestrafter Pfarrer erneut in U-Haft
Haftstrafe: Priester wollte 1/2 Mio € mit Kokaindeal verdienen
Bistum Essen beurlabut Priester - Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen sxuellen Missbrauchs
Sexskandal im Vatikan vertuscht?
Pfarrer gesteht sexuellen Missbrauch von Kindern
US-Priester klauen Millionen aus Opferstock
Heimkinder-Schicksale "Wie geprügelte Hunde"
Heimkinder-Schicksale "Es tut mir leid"
Kirche in der Krise:
Interview mit Priester Kügler
Papst läßt Schwule aus US-Kirchen vertreiben

Bistum Essen beurlaubt Priester

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen sexuellen Missbrauchs

Essen (www.kath.net)
Wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs eines Kindes ist ein 60jähriger Priester des Bistums Essen nach Bekanntwerden der Vorwürfe von seinem Dienst beurlaubt worden. Ihm wird vorgeworfen, in zwei Fällen versucht zu haben, sexuelle Handlungen an einem zwölfjährigen Mädchen vorgenommen zu haben. Der Priester bestreitet die Vorwürfe. Die Staatsanwaltschaft Essen hat inzwischen beim Amtsgericht die Eröffnung eines Hauptverfahrens gegen den Beschuldigten beantragt.

Dem Mädchen sowie dessen Familie sind vom Bistum Essen therapeutische und pastorale Hilfen angeboten worden. Die Beurlaubung des Priesters erfolgt nach der im Bistum Essen geltenden Verfahrensordnung bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche oder Mitarbeiter im kirchlichen Dienst.
22.3.07 Kath.net http://www.kath.net/detail.php?id=16317

Pfarrer gesteht sexuellen Missbrauch von Kindern

Ein wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verdächtigter katholischer Pfarrer aus Isselburg in Nordrhein-Westfalen hat ein Geständnis abgelegt. Die Übergriffe seien unter anderem bei einem Messdienerlager erfolgt. (04.01.2007, 12:39 Uhr)
Münster/Borken - Der 45-Jährige habe der Staatsanwaltschaft Münster bestätigt, dass es in drei Fällen zu "Grenzüberschreitungen" gekommen sei. "Es waren aber keine massiven sexuellen Handlungen", sagte Oberstaatsanwalt Wolfgang Schweer und bestätigte vorangegangene Medienberichte.

Zu den Übergriffen sei es innerhalb der vergangenen fünf Jahre bei einem Messdienerlager auf der niederländischen Insel Ameland, einer Lesenacht und einem Saunabesuch gekommen. Die Polizei ermittelt nun, ob der Geistliche weitere Kinder unsittlich berührt hat. Das Bistum Münster beurlaubte den Geistlichen, nachdem im November vergangenen Jahres Anzeige gegen ihn erstattet worden war. Zuvor war der gebürtige Rheinländer als Priester in zwei Kirchengemeinden sowie als Pfarrverwalter in einer weiteren Gemeinde im Kreis Borken tätig gewesen.

"Die Stimmung bei uns ist sehr gedrückt", hieß es aus dem Pfarramt einer der Kirchengemeinden. Das Bistum Münster lehnte eine Stellungnahme zum Geständnis des Geistlichen ab. "Sexueller Missbrauch ist ein Tabu-Thema, das Institutionen ängstlich macht", sagte Anna Becker vom Ortsverband Münster des Deutschen Kinderschutzbundes. Sie wies darauf hin, dass sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen ein Problem in vielen Institutionen sei - von den Sportvereinen bis hin zu den Kirchen. "Wichtig ist, dass im Vorfeld Strukturen geschaffen werden, die so etwas verhindern", sagte Becker. (tso/dpa)
4.1.07 Tagesspiegel-Online

Heimkinder-Schicksale "Wie geprügelte Hunde"

Von Peter Wensierski
Sie wurden geschlagen, erniedrigt und eingesperrt. Unter oft unvorstellbaren Bedingungen wuchsen in den fünfziger und sechziger Jahre Hunderttausende Kinder und Jugendliche in kirchlichen Heimen auf. "Wir waren Zwangsarbeiter", sagen sie heute. Ein dunkles Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte.
Hamburg - In den sechziger Jahren trimmten staatliche, katholische und evangelische Erzieher Kinder und Jugendliche in rund 3000 Heimen mit mehr als 200.000 Plätzen. Gut die Hälfte der Kinder war zwei bis vier Jahre lang in solchen Heimen. Andere verbrachten ihre ganze Kindheit und Jugend in den oft hermetisch abgeschlossenen Häusern. Erst wenn sie das 21. Lebensjahr vollendet hatten, als Volljährige, wurden sie in die Gesellschaft entlassen. Heute leben vermutlich noch mindestens eine halbe, wahrscheinlich aber mehr als eine Million ehemaliger Heimkinder aus dieser Zeit in Deutschland. Sie sind zwischen 40 und 65 Jahre alt.
Rund 80 Prozent der Heime waren in konfessioneller Hand. Insbesondere die katholischen Frauen- und Männerorden führten jahrzehntelang zahlreiche Erziehungsanstalten. Sie hießen "Zum Guten Hirten" oder waren nach Heiligen und Ordensgründern benannt: "Don-Bosco-Heim", "St. Vincenzheim", "St. Hedwig" oder "Marienheim". Die alte Mönchsregel "Bete und arbeite" erlebte eine perverse Renaissance in diesen konfessionellen Erziehungsheimen der jungen Bundesrepublik.

In der Diakonie Freistatt bei Diepholz, einer Zweigstelle der von Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel, wurde sie brutal umgesetzt. Freistatt mit seiner Presstorfproduktion, mit seinen Schlossereien und Schmieden war als reiner Wirtschaftsbetrieb konzipiert, der die billigen Arbeitskräften ausnutzte. Wenn nicht gerade Choräle gesungen wurden, mussten die 14- bis 21-Jährigen im Sommer wie im Winter im Moor Torf stechen und pressen.

"Besenstiele als Züchtigungsmittel"

In der abgelegenen Anstalt schufteten viele Jugendliche, bei denen "Verwahrlosung drohte", bis 1970 getreu dem Motto des Pastors Gustav von Bodelschwingh: "Ein Junge, der am Tage stramm gearbeitet hat, der hat nach dem Feierabend keine Neigung für dumme Streiche mehr." Dennoch versuchten Zöglinge zu fliehen.

Diese mussten nach ihrer Ergreifung den Torf in schweren "Kettenhosen" stechen, die nur Trippelschritte erlaubten. Selbst zum Kirchgang mussten die Jugendlichen die Beinschellen tragen. Nach dem Zweiten Weltkrieg war die inzwischen auf sechs Häuser angewachsene Diakonie Freistatt ständig überfüllt. In den fünfziger Jahren waren in Freistatt etwa 500 junge Männer eingesperrt. Damals war es noch üblich, dass Neuankömmlinge, die etwa aus anderen Heimen entwichen waren, aus Schikane anfangs auf dem Boden schlafen mussten.

Trotz des Verbots staatlicher Stellen, zu züchtigen oder als Strafmaßnahme die Haare abzuschneiden, prügelten die Erzieher in Freistatt, meist evangelische Diakone, munter weiter. 1960 beanstandete das Landesjugendamt Hannover "die Verwendung von Forkenstielen, Torflatten, Pantoffeln und Besenstielen als Züchtigungsmittel".

"Der Wille muss erst gebrochen werden"

Schon 1928 war die SPD Hannover bei Pastor von Bodelschwingh abgeblitzt, als die Genossen nach der Entlohnung für die harte Arbeit fragten: Die jungen Männer könnten ja frei wohnen, antwortete der Gottesmann, ein Lohn sei nicht drin, sie würden hier als Pfleglinge vor einer Notlage in Freiheit geschützt. Das Torfstechen wird bei einer Tagung der "Betheler Inneren Missions Anstalt Freistatt" auch 1950 noch als "eine wertvolle Beschäftigungsmöglichkeit" bezeichnet. "Wer nicht spurte, wurde verprügelt", berichtet Dieter Grünenbaum, ein ehemaliger Erzieher und Diakon. Ihm wurde zum Dienstantritt von einem älteren Aufseher gesagt, er solle doch einfach nur den Stärksten in seiner Gruppe herausfinden: "Dem müssen Sie rechts und links hinter die Ohren hauen, dann haben Sie hier die nötige Autorität." Grünenbaum begriff rasch: "Der Wille musste erst gebrochen werden. Das Prinzip war, der Jugendliche muss erst ganz unten sein."

Diese Vergangenheit holt Norbert Mehler manchmal ein. Mehler lebt heute in Spanien, in sicherer Entfernung zum norddeutschen Moor. Die Diakonie Freistatt ruft nur Erinnerungen an Gewalt und hilflose Wut in ihm wach. Freistatt war für ihn, das berichtete er dem "Weser-Kurier", "der Moorhof zur Hölle". Verzweifelt versuchte er 1959 zu entkommen. "Ich schluckte Glassplitter, um meinen Blinddarm kaputt zu kriegen und so über das Krankenhaus Diepholz eine bessere Fluchtchance zu bekommen als inmitten des Sumpfes." Mehlers Vergehen, das ihn nach Freistatt brachte: Im Alter von 19 Jahren war er mit der 16-jährigen Elke durchgebrannt, seiner späteren Ehefrau.
1964 kam Michael Hoffmann als 17-Jähriger ins Moor, er war seinen Pflegeeltern weggelaufen. "Bevor wir zur Arbeit ins Moor rausmarschiert sind, haben wir uns in drei Zehnerreihen aufgestellt und abgezählt. Alles geschah auf Kommando." Kaum mehr als vier Mark erhielt Hoffmann als Lohn im Monat, er tauschte sie gegen Karamellbonbons, der größte Luxus.

1970 schufteten noch immer 300 Menschen im Moor. Die "Hausväter" sind weiterhin ohne pädagogische Ausbildung. Hinter den vergitterten Fenstern werden die Jugendlichen in zellenartigen Schlafräumen nachts eingeschlossen. Drei Jahre später geht die Moorkirche in Flammen auf - zwei Zöglinge haben sie als Fanal des Protestes angezündet. Kurz darauf feiert man in Freistatt den 75. Geburtstag und errechnet, dass genau 92716 "Betreute" die Moorburg durchlaufen haben, allesamt "abgeschobene Unbequeme".

Strammstehen zum Morgengebet

Wie viel Geld sie den Protestanten in Bethel insgesamt erwirtschaftet haben, kann man in der Jubiläumsbroschüre nicht lesen. Viele Heime finanzierten sich wie Freistatt weitgehend selbst. Es gab Wäschereien, Landwirtschaft und Gärtnereien, die vornehmlich der Eigenversorgung dienten. Es gab aber auch gewerbliche Schlossereien, Tischlereien und andere Werkstätten, die Bargeld in die Heimkasse brachten. Mancherorts mussten die Jugendlichen in den Schreinereien Kirchenbänke herstellen. Im schwäbischen St. Konradihaus gab es eine mechanische Werkstatt, die hochwertige Maschinenteile für die Industrie lieferte. Im "Haus Sonnenwinkel" in Tecklenburg mussten die älteren Mädchen im Haushalt einer der zahlreichen Tecklenburger Ärzte-, Rechtsanwälte- oder Beamtenfamilien arbeiten.

Gerald Hartford erinnert sich daran, im Salvator-Kolleg Klausheide Scheinwerfer für die Firma H. und Matratzen für eine Firma aus Delbrück gefertigt zu haben. Im Dortmunder Vincenzheim wurde Wäsche im großen Stil für Hotels, Fabriken, Brauereien und Privathaushalte gewaschen, gebügelt und gemangelt. Außerdem gab es eine Näherei mit reichlich Auftragsarbeit. "Wir waren jugendliche Zwangsarbeiter", brachte es das ehemalige Heimkind Gisela Nurthen aus dem Dortmunder Vincenzheim auf den Punkt.

Schweigend mussten sie und die anderen Mädchen stundenlang mit den schweren Laken und Tüchern an der großen Heißmangel stehen. Wer unerlaubt sprach, riskierte Schläge. Gesungen werden durfte - aber nur Marienlieder. "Mein Platz war an der großen Heißmangel. Das stundenlange Stehen in großer Hitze - selbst im Sommer ohne zusätzliche Getränke -, das ständige Falten riesiger Bettwäsche ließ sämtliche Glieder schmerzen. Die Kolonne trottete abends schweigend durch die Gänge zurück wie geprügelte Hunde." Aufstehen mussten die Mädchen morgens um sechs. Strammstehen zum Morgengebet. Dann waschen, ein hastiges Frühstück, Einteilung zur Arbeit. Mittags gab es nach fünf Stunden die erste Pause. Am Nachmittag noch eine kurze Kaffeepause, mit "Muckefuck".

Schweigsam, effektiv und einträglich

Bis zu zehn Stunden schuftete die 15-Jährige unbezahlt im immer gleichen Takt. Am Samstag mussten sie bis mittags arbeiten. Sonntags wurden Taschentücher zum Verkauf in der Nähstube umhäkelt. Die hauseigene Großwäscherei war für die Vincentinerinnen ein lukratives Geschäft. Die Arbeit bringe, so schrieb 1962 der Dortmunder "Kirchliche Anzeiger" ganz offen, "um die Steuerzahler etwas zu beruhigen", einen "nicht unerheblichen Teil" der Kosten ein. Hotels, Firmen, Krankenhäuser und viele Privathaushalte zahlten gut - und fragten nicht, wer da fürs Reinwaschen missbraucht wurde.

"Die Kunden bekamen uns nie zu sehen, es gab extra einen Abholraum, zu dem war uns der Zutritt streng verboten." In der Hausordnung des Heims "Zum Guten Hirten" in Münster war das Schweigegebot bei der Arbeit jahrzehntelang festgeschrieben: "Während den der Arbeit gewidmeten Stunden wird so viel wie möglich Stillschweigen beobachtet, welches durch Gebet und Gesang unterbrochen wird. Auch im Speisesaal und in den Schlafsälen ist für gewöhnlich das Sprechen untersagt." Schweigsam, effektiv und einträglich - so sollten die Zöglinge sein.

Unterlagen aus dem "Guten Hirten" in Münster belegen die erbärmliche Bezahlung der Zöglinge selbst noch zu Beginn der siebziger Jahre: "Das Entgelt für eine 40-stündige Arbeit in der Woche schwankt zwischen 2 und 4 DM." In der Regel erhielten die Kinder und Jugendlichen - trotz harter Arbeit mit bis zu 48 Stunden die Woche - keinen entsprechenden Lohn. Sie waren auch nicht sozialversichert.

Ehemalige Heimkinder erwägen Klage

Die "verlorenen Jahre" sind für die Betroffenen heute finanziell ein Debakel. Sie fehlen bei der Rente, die für die meisten ohnehin recht schmal ist. Bei der AOK Dortmund etwa recherchierten ehemalige Heimkinder vergeblich nach Beiträgen, die für sie aus dem Vincenzheim ihrer Ansicht nach hätten eingehen müssen.

Die ehemaligen Heimkinder überlegen jetzt, ob sie Wiedergutmachung für Arbeit und Misshandlungen einklagen sollen, etwa nach dem "Gesetz über die Entschädigung für Opfer von Gewalttaten". Dieses Gesetz beinhaltet eine Einstandspflicht des Staates für unschuldige Opfer von vorsätzlichen, rechtswidrigen Gewalttaten. Fürsorgezöglinge wurden in den Erziehungsheimen trotz staatlicher Aufsicht im großen Stil als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Dieses System hatte eine lange Tradition.

In einer Caritas-Festschrift über die katholische Kinder- und Jugendfürsorge hieß es bereits in den dreißiger Jahren: Dem Fürsorgezögling "darf es schon in Fleisch und Blut übergehen, dass die Arbeit in Gottes Auftrag geschieht und nicht bloß klingende irdische Münzen einbringt, sondern auch den ewigen Lohn bedingt. Das Wort 'Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen' darf den Eingang jeder Werkstätte zieren."

SPIEGEL ONLINE - 11. Februar 2006, 17:09
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400215,00.html

Heimkinder-Schicksale "Es tut mir leid"

Tausende Kinder durchlitten in den fünfziger und sechziger Jahren die Schrecken staatlicher und kirchlicher Heimerziehung. Im Interview mit dem SPIEGEL fordert der Präsident der deutschen Caritas, Peter Neher, einen offeneren Umgang mit einem dunklen Kapitel deutscher Geschichte.
SPIEGEL: Ehemalige Heimkinder leiden noch immer unter den Folgen der Erziehung in den zumeist konfessionellen Heimen der fünfziger und sechziger Jahre. Trägt die Caritas heute dafür Mitverantwortung?

Neher: Natürlich sind wir als Gesamtverband davon betroffen. Es gab zwar nicht nur katholisch geführte Heime, sondern auch Heime anderer Konfessionen und staatliche Träger mit Nonnen und Ordensbrüdern als Heimpersonal, die nicht Mitglied im Caritasverband waren. Dennoch wollen wir den Betroffenen der Heimerziehung helfen, dieses dunkle Kapitel der jüngsten deutschen Vergangenheit gemeinsam aufzuarbeiten. Wir wollen die heute Erwachsenen nicht mit den in ihrer Kindheit entstandenen Traumatisierungen alleine lassen.

SPIEGEL: Was ist bisher bei Caritas und Kirche über die Schrecken der Heimerziehung bekannt?

Neher: Ich habe Verständnis für den Wunsch der Menschen, jetzt endlich diese Erlebnisse öffentlich zu machen. Was da bekannt wird, finde ich schlimm und es tut mir leid, wenn solche Dinge bedauerlicherweise auch in katholischen Heimen geschehen sind. Wir müssen uns aber noch einen genauen Überblick verschaffen und differenzieren. Einige Einrichtungen haben schon seit längerem Kontakte zu ihren ehemals Anvertrauten aufgenommen und werden diese weiterführen. Generell raten wir als Caritas allen katholischen Einrichtungen zu einem offenen Umgang mit den Betroffenen. Die Einrichtungen sollen offensiv damit umgehen und - wo möglich - den ehemaligen Heimbewohnern Einsicht in ihre Akten gewähren. Die Einsicht in die eigene Akte ist ein wichtiger Teil der persönlichen Aufarbeitung. Ich lege den Einrichtungen ans Herz, auch nach Ablauf von Fristen heute noch vorhandene Akten aufzubewahren und Einsichtnahmen zu ermöglichen.

SPIEGEL: Hängen die Schrecken der Heimerziehung mit kirchlichen Erziehungsvorstellungen zusammen?

Neher: Ich glaube nicht, dass es zur Systematik katholischer Einrichtungen gehört hat. Es muss noch genauer geprüft werden, ob möglicherweise konfessionelle Prägungen einen ohnehin praktizierten Erziehungsstil weiter verschärft haben. Wir werden deshalb der wissenschaftlichen Erforschung dieser Zeit mehr Raum geben und sind im Gespräch mit Hochschulen und Caritas-Experten, um wissenschaftliche Arbeiten über diese Zeit und die Folgen der Heimerziehung anzuregen. Wir schlagen auch vor, auf Konferenzen und anderen Veranstaltungen aktiv mit diesem Thema umzugehen

SPIEGEL: Viele beklagen sich, dass sie in den Heimen als 14- bis 21-Jährige arbeiten mussten, kaum entlohnt und ohne Anmeldung bei der Sozialversicherung.

Neher: Arbeitsverhältnisse in den Heimen wurden in der Regel erst nach 1972 als sozialversicherungspflichtig behandelt. Für die Zeit davor ist das in der Tat ein Problem. Wir plädieren dafür, nach Absprache und Prüfung mit der BfA und anderen Rentenversicherungsträgern, alle Möglichkeiten zu erkunden, dass solche nachgewiesenen Arbeitszeiten aus den früheren Jahren ebenfalls entsprechend berücksichtigt werden.

SPIEGEL: Haben Sie eine Erklärung für den harten Stil der Nonnen und Brüder in den Erziehungsheimen der fünfziger und sechziger Jahre?

Neher: Nach dem Kriegsende hat sich die Pädagogik gegenüber den zwanziger und dreißiger Jahren in den Heimen zunächst kaum verändert. Erst Ende der sechziger, Anfang der siebziger Jahre kam es wirklich zu einer Revolution in der Erziehung in Deutschland. Einer der Punkte, die wir selbstkritisch sehen ist, dass häufig die Schwestern und Brüder ohne fachspezifische Qualifikation in den Heimen arbeiteten. Viele Erfahrungen, die von den Kindern und Jugendlichen gemacht wurden, liegen auch an einer Überforderung der Heimleiter und Erziehenden. Bei allen Bemühungen der überwiegend engagierten Mitarbeitenden in diesen Jahren hat es zu lange gedauert, bis eine qualifizierte Arbeit im Interesse der Kinder Fuß gefasst hat.

SPIEGEL: Die Betroffenen verlangen ein Wort der Entschuldigung.

Neher: Ich kann das Empfinden von Unrecht verstehen und wünsche mir, dass die Auseinandersetzung darüber in einem breiten Rahmen geschieht. Ich denke etwa daran, dass minderjährige, schwangere Mädchen, die damals teilweise zwangsweise eingewiesen wurden, dies heute zu Recht als Unrecht empfinden. Allerdings haben diese Zwangseinweisungen staatliche Stellen veranlasst. Ich halte für wichtig, dass in den jeweiligen Einrichtungen im individuellen Gespräch Entschuldigungen ausgesprochen werden.

Das Interview führte Peter Wensierski

Zur Person: Peter Neher, 50, ist katholischer Theologe und leitet seit September 2003 den Deutschen Caritasverband. Mit rund 490.000 Mitarbeitern ist der Verein der größte private Arbeitgeber in Deutschland. Neher gilt als Reformer und setzt sich vor allem für die Belange von Kindern ein.
SPIEGEL ONLINE - 14. Februar 2006, 09:01
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,400695,00.html

Kirche in der Krise:

Nur noch ein Fünftel
der Österreicher sind traditionelle Christen
Typischer Atheist ist jung, gebildet und lebt in Wien. Kirche: Wenig Glaubwürdigkeit im Bereich Sexualität
Nur noch ein Fünftel der Österreicher sind traditionelle Christen und die Säkularisierung schreitet weiter fort. Das sind Ergebnisse einer Studie des Instituts für Soziologie der Universität Wien. Laut Studienleiter Wolfgang Schulz ist der typische Atheist jung, gebildet und in Wien wohnhaft.

Um dem Phänomen "katholisches Österreich" auf den Zahn fühlen zu können, haben die Wissenschafter eine eigene Typologie eingeführt. Sie unterscheiden "Atheisten", "Taufscheinchristen" (gehören der Kirchen zwar an, besuchen aber keine Messen und beten auch nicht), "Soziale Kirchgänger" (gehen manchmal in die Kirche, beten aber nicht), "Spirituelle" (gehören keiner Religionsgemeinschaft an, gehen nicht in die Kirche, haben aber Vorstellungen religiöser Art), "moderat Gläubige" und "traditionell Gläubige".

Laut einer repräsentativen Umfrage zählen 7,3 Prozent der Österreicher zu den Atheisten, 17,6 Prozent zu den Taufscheinchristen, acht Prozent zu den sozialen Christen, 13,7 Prozent zu den Spirituellen, 25,4 Prozent zu den moderat Gläubigen und 20,6 Prozent zu den traditionell Gläubigen.

Auffallend dabei ist, dass die Zahl der Nicht-Gläubigen unter jüngeren Personen höher ist. Während der Anteil an Atheisten in Wien besonders hoch ist, finden sich viele Taufscheinchristen in Gemeinden mit mittler Größe. Traditionell Gläubige haben typischerweise ein hohes Alter, ein niedriges Bildungsniveau und wohnen häufiger als Atheisten und Taufscheinchristen in kleinen Gemeinden.

Im Zuge der Untersuchung wurde auch die Einschätzung der Glaubwürdigkeit der Kirche erhoben. Dabei räumten die Befragten der Kirche in den Bereichen Menschenrechte und soziale Fragen hohe Kompetenz ein, und zwar quer durch alle Glaubensgruppen. Geringe Glaubwürdigkeit besitzt die Kirche dagegen im Bereich Sexualität.

(apa/red)

www.networld.at/articles/0601/10/129759.shtml?print

Interview mit Priester Kügler

"Katholische Kirche ist größte transnationale Schwulenorganisation"

Der Jesuit und Psychotherapeut Hermann Kügler hat den neuen sogenannten Schwulen-Erlass des Vatikan scharf kritisiert. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE beklagt er "Gesinnungsschnüffelei" in den Priesterseminaren und warnt vor einer Diskriminierung Homosexueller.
SPIEGEL ONLINE:
Der Vatikan hat mit der neuen Richtlinie zum Umgang mit homosexuellen Priesteramtskandidaten die Konsequenz aus einer Reihe von Skandalen gezogen: Etliche Priester hatten Minderjährige - zumeist Jungen - sexuell missbraucht. War der Schritt, praktizierenden Homosexuellen das Priesteramt zu verwehren, nicht überfällig?

Kügler: Erstens: Praktizierende Homosexuelle sind nicht anders zu bewerten als praktizierende Heterosexuelle. In der katholischen Kirche gilt die Zölibatsverpflichtung, die sexuelle Abstinenz für Geistliche, für alle in gleicher Weise. Insofern sind Homosexuelle keine eigene Klasse von Menschen. Zweitens: Es ist ein Vorurteil zu sagen, alle Homosexuellen seien pädophil. Das ist falsch. Pädophile gibt es genauso unter Hetero- oder Bisexuellen. Es ist diskriminierend, wenn man homosexuell empfindenden Menschen unterstellt, sie seien verkappte Kinderschänder. Das ist völliger Unfug.

SPIEGEL ONLINE:
Dennoch waren die Opfer der in der katholischen Kirche bekannt gewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester vor allem Jungen.

Kügler: Das ist ein Indiz dafür, dass das Priesteramt in der katholischen Kirche hoch attraktiv ist für Menschen, die in ihrer sexuellen Entwicklung auf einer kindlichen oder pubertären Stufe stehen geblieben sind. Viele angehende Priester unterliegen dem Irrtum, dass sie sich mit ihrer psychosexuellen Entwicklung nicht auseinandersetzen müssen, da sie ja ohnehin ein zölibatäres Amt anstreben.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht an der Zeit, diesen unreifen Persönlichkeiten den Weg ins Priesteramt zu verwehren?

Kügler: In der Priesterausbildung muss mehr Wert auf die Förderung der emotionalen Reife der Kandidaten gelegt werden - dies wird in dem römischen Dokument auch gefordert und ist nichts Neues. Die Deutsche Bischofskonferenz verlangt in den Richtlinien zur Priesterausbildung aus dem Jahr 1988, dass die Anwärter nicht nur ein akademisches Studium absolvieren, sondern sich auch mit sich selbst auseinandersetzen.

SPIEGEL ONLINE: Über die Persönlichkeitsbildung der künftigen Priester sollen vom Bischof bestellte Ausbilder ein "moralisch einwandfreies Urteil" fällen. Wie groß ist die Gefahr, dass in den Priesterseminaren die intimen spirituellen Gespräche zwischen den angehenden Priestern und der Seminarleitung leiden, weil keine Atmosphäre der Offenheit mehr herrscht?

Kügler: Die Kirche hat eine Jahrtausende alte Erfahrung in der Trennung eines äußeren Bereichs der Disziplin, der Prüfung und Überprüfung und eines inneren Bereich des Gewissens. Das spiegelt sich in den Priesterseminaren wider. Dort gibt es die getrennten Ämter des Rektors und des Spirituals, vergleichbar Indianerstämmen, bei denen es einen Häuptling und einen Schamanen gibt. Der geistliche Begleiter im Priesterseminar darf keinen Bericht an den Bischof geben.

SPIEGEL ONLINE: Die geistlichen Begleiter haben jedoch fortan die Pflicht, Kandidaten, die ihre "tief verwurzelte homosexuelle Neigung" kundtun, von ihrem Entschluss Priester zu werden, abzubringen.

Kügler: Diese Art von Gesinnungsschnüffelei kann nicht klappen. Sollte es funktionieren, müssten in manchen Jahrgängen bis zu 40 Prozent der Kandidaten ausscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Was versteht die Kirche unter der Bestimmung "tief verwurzelte homosexuelle Neigung" überhaupt? Soll das messbar sein?

Kügler: Das ist genau die Schwierigkeit. Was heißt das, und wer stellt dies fest? Da schweigt sich das römische Dokument aus. Insofern kann es leicht als diskriminierend empfunden werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum sieht die katholische Kirche die Homosexualität nicht als etwas ganz Natürliches an?

Kügler: Die Kirche hinkt bei der Rezeption vieler wissenschaftlicher Einsichten hinterher. Homosexualität etwa gilt heute als normale Variante sexuellen Verhaltens. Sie ist mit dem Willen und therapeutisch nicht zu beeinflussen, so wenig wie wenn Leute rote oder schwarze Haare haben. Die katholische Kirche sieht die Homosexuellen zwar nicht mehr als Sünder an, aber doch als Kranke, denen mit Liebe und Achtung zu begegnen ist.

SPIEGEL ONLINE: Der Kölner Kardinal Joachim Meisner argumentiert mit der göttlichen Schöpfungsordnung: Der Mann sei auf die Frau hin geschaffen und umgekehrt. Ziel sei es, in der Ehe eine Familie zu gründen, damit der Fortbestand der Menschheit garantiert ist.

Kügler: Das ist ein fundamentalistisches Verständnis der Bibel. Die scharfe Ablehnung der Homosexualität in der Bibel geht von Voraussetzungen aus, die man im historischen Kontext des alten Orients sehen muss. In der Bibel werden Homosexuelle eigentlich als Heterosexuelle gesehen, die sich aus perversen Neigungen homosexuell verhalten. Das wird abgelehnt. Doch genetisch bedingte Homosexualität kennt die Bibel nicht. Leuten wie Kardinal Meisner würde ich raten, exegetisch und hermeneutisch etwas genauer hinzuschauen.

SPIEGEL ONLINE: Dann müssten die höchsten theologischen Gremien in Rom in die exegetische Nachhilfe. Denn Kardinal Meisner lehrt, was in Rom geteilt wird.

Kügler: Die katholische Kirche ist ein feudalistisches System. Es gibt einen herrschenden und einen beherrschten Stand. Und der herrschende lässt nur solche Leute rein, die genehm sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschreiben die katholische Kirche, der sie selbst als Ordensmann angehören.

Kügler: Ich bin katholischer Priester, und ich liebe meine Kirche. Dennoch darf ich ihre Grenzen und ihre Schattenseiten klar benennen.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie keine Sanktionen?

Kügler: Nein, denn ich unterscheide klar zwischen einer Meinungsäußerung und einem Argument. Und es muss in der Kirche möglich sein, mit Argumenten zu streiten.

SPIEGEL ONLINE: Wäre es ein Argument, Frauen zum Priesteramt zuzulassen, um mehr sexuelle Reife in der Amtskirche zu erreichen?

Kügler: Die Frage nach dem Priesteramt für Frauen ist in erster Linie eine Gerechtigkeitsfrage: Obwohl es kein Recht auf dieses Amt gibt, sind 50 Prozent der Mitglieder einfach von ihm ausgeschlossen. Ich möchte diese Thematik nicht für den richtigen Umgang mit Homosexuellen instrumentalisieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Theologin Uta Ranke-Heinemann hat die katholische Kirche einmal als "ideales Biotop" für Schwule bezeichnet. Wenn Frauen in Ämtern wären, würde dieses Biotop austrocknen. Somit wären auch weniger Päderasten in Amt und Würden.

Kügler: Richtig ist sicher, dass die katholische Kirche die größte transnationale Schwulenorganisation ist. Glaubwürdige Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 20 Prozent der römisch-katholischen Priester homosexuell sind - was nicht heißt, dass sie diese Neigung auch ausleben.

SPIEGEL ONLINE: Kirchenkritiker fordern immer wieder die Abschaffung des Zölibats. Ließe sich dadurch die Zahl sexueller Verfehlungen innerhalb der Amtskirche verringern?

Kügler: Es ist problematisch, wenn eine Partnerschaft zur Abwendung sexueller Verfehlungen dient. Das Problem bei sexuellen Verfehlungen ist nicht der Zölibat, sondern die sexuelle Unreife.

ZUR PERSON: Hermann Kügler, 53, lebt in München. Er ist seit 25 Jahren katholischer Priester und gehört dem Orden der Jesuiten an. Kügler studierte Theologie in München, Rom und Frankfurt. Er hat eine psychotherapeutische Ausbildung und hat sich auf Persönlichkeitsentwicklung spezialisiert. Regelmäßig gibt er Kurse in der Priester- und Ordensausbildung.

SPIEGEL ONLINE - 25. November 2005, 12:11
URL: http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,386709,00.html



Papst läßt Schwule aus US-Kirchen vertreiben

Wie der Papst Schwule aus US-Kirchen vertreiben lässt
Von Barbara Hans

Der massenhafte Missbrauch von Kindern durch katholische Priester erschütterte vor drei Jahren die USA. Jetzt sollen Ermittler des Vatikans den Sumpf ausheben. Im Visier haben sie Homosexuelle - denn wo es keine Schwulen gibt, gibt es nach der Logik des Vatikans auch keine Kinderschänder.

Hamburg - Es stinkt zum Himmel in Boston, im Frühjahr 2002. In der drittgrößten Diözese der USA steht John Geoghan vor Gericht: Der katholische Priester soll Dutzende Kinder sexuell missbraucht haben. Die Kirchenoberen wussten von den sexuellen Übergriffen, und ließen den Geistlichen dennoch im Amt. Über Jahrzehnte, so stellt sich heraus, hat die Kirche Informationen über zahlreiche Priester, denen sexueller Missbrauch vorgeworfen wurde, unterdrückt. Vertraulich wurden den Opfern Entschädigungen in Millionenhöhe gezahlt - für das Versprechen, in der Öffentlichkeit über die Vorfälle zu schweigen. Allein in den neunziger Jahren konnten so für mehr als zehn Millionen Dollar 70 Klagen abgewandt werden.

Die Priester versetzt man in andere Gemeinden. Die Zahlungen verhindern zwar Äußerungen der Opfer in der Öffentlichkeit, die Neigungen der Geistlichen aber bleiben: Häufig kommt es auch in den neuen Gemeinden wieder zu Übergriffen.

Auf öffentlichen Druck gibt der Erzbischof von Boston, Bernhard Kardinal Law, im Februar 2002 90 Namen von Priestern, die in den vergangenen Jahrzehnten in seinem Bistum unter Verdacht des sexuellen Missbrauchs von Kindern standen, preis. Betroffene Priester werden von ihren Aufgaben entbunden, die Justiz nimmt Ermittlungen auf. Nach einem Gespräch mit Johannes Paul II. tritt er Ende 2002 als Erzbischof von Boston zurück. Durch seinen Rücktritt vermeidet Law alle Auftritte vor Gericht. Doch Law wird von der katholische Kirche nicht verstoßen - Papst Johannes Paul II. gibt ihm im Mai 2004 sogar ein wichtiges Amt in der römischen Kurie. Nach der Wahl des neuen Papstes steht der umstrittene Kirchenfürst plötzlich wieder im Rampenlicht: Eine der ersten Amtshandlungen von Benedikt XVI. ist der Besuch der Lateranbasilika in Rom. Und dort empfängt ihn Bernard Kardinal Law - derzeit Erzpriester der päpstlichen Bischofskirche.

Untersuchung in den USA

Nach Jahrzehnten des Schweigens und Vertuschens versucht der Vatikan, Licht in das Dunkel des Kindesmissbrauchs zu bringen. Alle 229 Priesterseminare und mehr als 4500 Seminaristen in den USA werden auf Anordnung aus Rom überprüft. Die Ermittler des Vatikan verteilen Fragebögen an die amerikanischen Priesteramtsanwärter. Doch die Ermittler des Vatikan wollen vom Priesternachwuchs nicht etwa wissen, ob ihnen Kindesmissbrauch oder Pädophilie aufgefallen ist. Fragen hierzu sucht man in den Papieren vergebens. Ein Priester spielte der "New York Times" ein zwölfseitiges Dokument zu, das Anweisungen zum Vorgehen der Untersuchung enthält- Darin heißt es unter anderem: "Gibt es im Seminar Belege für Homosexualität?" und "Sind die Seminaristen oder Lehrenden besorgt über die moralische Verfassung der Menschen in der Institution?" Studenten, Dozenten und die Absolventen der vergangenen drei Jahre sollen den Ermittlern aus dem Vatikan Rede und Antwort stehen - und dabei auch Kollegen denunzieren.

Die Kirche sucht in den Reihen ihrer künftigen Priester nicht gezielt nach Kinderschändern, sondern vor allem nach Homosexuellen. Die bizarre Logik: Eine von den US-Bischöfen in Auftrag gegebene Studie aus dem Februar 2004 zeigt, dass 81 Prozent der von 1950 bis 2002 von Geistlichen missbrauchten Kinder Jungen waren. Folglich sind die Täter in den Augen der Kirche nicht pädophil, sondern schwul.

Eine außerordentliche Apostolische Visitation, wie die Ermittlungen im Kirchenjargon heißen, wird von Rom nur dann angeordnet, wenn der Papst schwere Missstände befürchtet und sich ein genaueres Bild verschaffen will. Im vergangenen Jahr klärte eine solche Visitation den Sex-Skandal des Priesterseminars von St. Pölten auf - dort waren unter anderem pornografische Bilder von Kindern gefunden worden. Visitator Klaus Küng wurde von Papst Johannes Paul II. zum neuen Bischof der Diözese St. Pölten ernannt, und löste den in die Kritik geratenen Bischof Kurt Krenn ab.

Erzbischof Edwin O'Brien, der jetzt die Untersuchung in den USA leitet, macht keinen Hehl daraus, dass für ihn die Homosexuellen der Kern des Missbrauchsproblems sind: "Jeder, der homosexuell aktiv ist, oder eine stark homosexuelle Neigung hat, sollte sich nicht als Seminarist bewerben und auch nicht in einem Priesterseminar akzeptiert werden", äußerte er sich gegenüber dem "National Catholic Register". Auch Homosexuellen, die bereits zehn Jahre oder länger zölibatär gelebt hätten, soll das Priesteramt verwehrt bleiben. Die Untersuchung ist - laut Berichten der New York Times" - Teil eines generellen Vorgehens des Vatikans gegen homosexuelle Seminaristen. Wie die Zeitung unter Berufung auf einen Insider aus Rom schreibt, plane man, auch Schwule, die zölibatär leben, vom Dienst in der Kirche auszuschließen. Ein entsprechendes Dokument werde innerhalb der nächsten sechs Wochen veröffentlicht. Bereits geweihte Priester sollen nicht von dem Bann betroffen sein. Man wolle schwule Priesteramtskandidaten vorbeugend ausschließen, da die Seminare eine besondere Versuchung für sie darstellten, berichtet die Zeitung. Mike Sullivan, Sprecher der konservativen Gruppe "Catholics United for the Faith" begrüßte ein solches Vorgehen der Kirche: schwule Seminaristen zuzulassen sei in etwa so, als wenn man einen Alkoholiker in eine Bar schicke.

Pädophile sind krank, Homosexuelle nicht

Das Vorgehen des Vatikan ruft indes Protest hervor - auch innerhalb der Kirche. "Man muss zwischen Homosexualität und Pädophilie klar trennen", erklärt etwa Reinhold Weicker, Sprecher der ökumenischen Arbeitsgemeinschaft Homosexualität und Kirche (HUK). "Eine solche Verurteilung der Homosexualität trägt zu einem Klima in der Gesellschaft und der Kirche bei, das nicht förderlich ist." Auch der katholische Ordenspriester und Pastoralpsychologe Hermann Kügler wehrt sich gegen die mangelnde Differenzierung: "Die Homosexualität ist einem Menschen mit dem Menschsein gegeben, sie ist also nicht zu beeinflussen. Es handelt sich nicht um eine Störung mit Krankheitswert." Die Pädophilie, eine erotisch-sexuelle Präferenz für Kinder - Jungen und Mädchen - vor der Pubertät, wird dagegen in der "Internationalen Klassifikation Psychischer Störungen" als krankhaft eingestuft.

Ähnlich sieht das auch die Deutsche Bischofskonferenz. In einem Papier aus dem Jahr 1999, das ebenfalls über Medien an die Öffentlichkeit gelang, jedoch nie dementiert wurde, heißt es: "Pädophilie kann sowohl bei heterosexuellen als auch bei homosexuell veranlagten Personen vorkommen."

Und dafür, dass es sich bei der überwiegenden Mehrheit der missbrauchten Kinder um Jungen handelt, gibt es nach Ansicht von Theologin und Kirchenkritikerin Uta Ranke-Heinemann unter anderem eine einfache Erklärung: Johannes Paul II. habe von 1980 bis 1994 sogar alle Messdienerinnen vertrieben: "Die Priester waren also nur von Jungen umgeben", folgert die Bestseller-Autorin ("Eunuchen für das Himmelreich").

Schließt Homosexualität das Priesteramt aus?

Bisher galt der Grundsatz, dass Homosexualität - so lange sie nicht praktiziert wird - nicht prinzipiell den Grundsätzen der katholischen Amtskirche widerspricht. "Sexuelle Aktivitäten" waren schwulen ebenso wie heterosexuellen Geistlichen untersagt. "Homosexuellen Geistlichen darf nicht unterstellt werden, dass wenn sie das Gelübde der Keuschheit abgelegt haben, sie nicht auch danach leben", so der Jesuit Kügler.

Der Umgang mit der Homosexualität ist indes für die katholische Kirche von besonderer Bedeutung. Der Prozentsatz schwuler Priester liege deutlich höher als in der allgemeinen Bevölkerung, sagt HUK-Sprecher Weicker. Kügler schätzt die Zahl auf rund 20 Prozent - obwohl genaue Angaben nahezu unmöglich sind.

Das Priesteramt bietet Homosexuellen einen institutionellen Rahmen, hinter dem man seine Neigung gut verbergen kann. Einen Kardinal frage niemand mehr, warum er ohne seine Frau kommt, erklärt Ranke-Heinemann. Schon mancher junge Mann habe seine homosexuelle Veranlagung - in aller Unschuld und Aufrichtigkeit - mit göttlicher Berufung zum Priestertum und Höherem verwechselt. Und auch der Sprecher der HUK hat Erklärungen für den besonders hohen Anteil schwuler Priester: "In dem Alter, in dem man sich für das Priesteramt entscheidet, ist jedem bewusst, dass eine Ehe somit ausgeschlossen ist. Schwule stört das natürlich nicht. Aber ihr inneres Coming-Out haben sie, nachdem sie sich für den Beruf entschieden haben." Bei der Weihe vermissen sie nichts - sie interessieren sich schlichtweg nicht für Frauen. Die Ursache dafür begreifen viele erst später.

Welchen Schluss der Vatikan aus der Untersuchung in den Vereinigten Staaten ziehen wird, ist unklar. Zu der Visitation gebe es nichts zu sagen, so die knappe Auskunft einer Vatikan-Sprecherin.

Die Priesterseminare jedenfalls stellt die Apostolische Visitation auf eine harte Probe. Immerhin werden die Priesteramtsanwärter dazu angehalten, das Verhalten der anderen Teilnehmer auf mögliche Indizien der Homosexualität zu überprüfen. Aber auch Denunziation sei nichts Neues in der katholischen Kirche, meint Ranke-Heinemann: "Gegenseitige Denunziation von Priestern ordnete schon die Synode von St. Pölten 1284 an. Damals ging es gegen Priester, die eine heimliche Konkubine hatten. Inzwischen geht es gegen Priester, die heimlich einen männlichen Partner haben. Man sieht den Fortschritt der katholischen Kirche, der die Frauenvertreibung restlos geglückt ist."

Spiegel Online 23.9.05


Druckbare Version